Z Gastroenterol 2020; 58(08): e182
DOI: 10.1055/s-0040-1716220
BEST Abstracts DGVS: Publikationen

Risikofaktoren für eine obere gastrointestinale Blutung bei Intensivstation-Patienten (GIBICU study)

A Poszler
1   Technische Universität München, II. Medizinische Klinik, München, Deutschland
,
E Nguyen
2   Fakultät für Humanmedizin, Technische Universität München, München, Deutschland
,
M Braunisch
3   Abteilung für Nephrologie, Klinikum rechts der Isar, München, Deutschland
,
J Wiessner
1   Technische Universität München, II. Medizinische Klinik, München, Deutschland
,
J Ullrich
1   Technische Universität München, II. Medizinische Klinik, München, Deutschland
,
W Huber
1   Technische Universität München, II. Medizinische Klinik, München, Deutschland
,
R Schmid
1   Technische Universität München, II. Medizinische Klinik, München, Deutschland
,
T Lahmer
1   Technische Universität München, II. Medizinische Klinik, München, Deutschland
› Author Affiliations
 
 

    Einleitung Die gastrointestinale Blutung stellt nach wie vor ein in der Ausprägung oft schwer abzuschätzendes Krankheitsbild dar. Auch wenn mit dem Glasgow-Blatchford-Score oder dem Rockall-Score etablierte Scores für die nicht-variköse obere gastrointestinale Blutung gut evaluierte Scores vorliegen, ist doch vor allem die variköse Blutung und der Intensivpatient mit Verdacht auf eine obere gastrointestinale Blutung das Szenario, das den Kliniker und nicht zuletzt die Scores vor deutliche Herausforderungen in der Risikoabschätzung stellen. Für Intensivpatienten besteht zusätzlich aufgrund einer engmaschigeren Überwachung die Möglichkeit, präzisere Informationen bei Patienten mit fraglichen gastrointestinalen Blutungen zu erheben, welche in den bestehenden Scores bislang nicht mit einfließen.

    Ziele Ziel der vorliegenden Studie ist es deshalb, signifikante Prädiktoren für obere gastrointestinale Blutungen, endoskopischen Interventionsbedarf und Mortalität bei Intensivpatienten mit GI-Blutung zu untersuchen.

    Methodik In der monozentrischen, retrospektiven Studie wurden im Zeitraum von November 2014 bis Februar 2019 alle Patienten Intensivpatienten mit Verdacht auf eine obere gastrointestinale Blutung eingeschlossen. Mittels SPSS (©IBM SPSS Statistics 24) führten wir eine Analyse der relevanten Prädiktoren durch. Neben einer multiplen logistischen Regressionsanalyse mit Vorwärts-Selektion nach Wald verwendeten wir für die Untersuchung der bereits etablierten Scores mit unserer Kohorte auch die AUROC-Methode sowie das Signifikanzniveau.

    Ergebnis Insgesamt wurden 345 ÖGDs bei 245 ICU Patienten durchgeführt und 42,3% davon wiesen eine aktive Blutung auf. In 52% erfolgte eine endoskopische Intervention. 93 Patienten (37,8%) verstarben innerhalb von 30 Tagen. In der AUROC-Analyse für die obere gastrointestinale Blutung ergab sich ein AUC für den modifizierten GBS von 0,578 (p = 0,020) und für die therapeutische ÖGD von 0,600 (p = 0,002). Für die 30-Tage-Mortalität ergab sich ein AUC für den vollständigen Rockall-Score von 0,637 (p = 0,001). Die jeweiligen AUC-Werte erreichten ein hohes Signifikanzniveau. In der logistischen Regressionsanalyse zeigte sich, dass mit der oberen gastrointestinalen Blutung als Prädiktoren folgende signifikant korrelieren: Stattgehabte variköse Blutung (Exp(B)=13,17, p = 0,000), stattgehabte nicht-variköse Blutung (Exp(B)=3,98, p = 0,000), Laktat-Differenz (innerhalb von 24h) (Exp(B)=1,24, p = 0,002), maximale Herzfrequenz (innerhalb von 24h) (Exp(B)=1,02, p = 0,008), Verwendung von Steroiden (innerhalb von 24h) (Exp(B)=1,90, p = 0,050), Anzahl an Transfusion von EKs (innerhalb von 24h) (Exp(B)=1,24, p = 0,002). In der logistischen Regressionsanalyse für die Notwendigkeit einer endoskopischen Intervention korrelierten folgende Prädiktoren: Stattgehabte variköse Blutung (Exp(B)=13,53, p = 0,001), stattgehabte nicht-variköse Blutung (Exp(B)=2,84, p = 0,001), Geschlecht (männlich)(Exp(B)=2,10, p = 0,009), vorbekannte Lebererkrankung (Exp(B)=1,94, p = 0,015), Verwendung Katecholaminen (innerhalb von 24h) (Exp(B)=1,84, p = 0,040). Für die Mortalität ergab die logistische Regressionsanalyse folgende Prädiktoren: Verwendung von Steroiden (innerhalb von 24h) (Exp(B)=29,48, p = 0,000), maligne Vorerkrankung (Exp(B)=9,45, p = 0,009), diffuse Schleimhautblutung (im ÖGD-Befund) (Exp(B)=4,58, p = 0,024), PTT (innerhalb von 24h) (Exp(B)=1,08, p = 0,000), maximale Noradrenalin-Perfusorlaufrate (innerhalb von 24h) (Exp(B)=1,01, p = 0,007), Leukozyten (innerhalb von 24h) (Exp(B)=0,095, p = 0,009). Für die variköse Blutung konnten als zusätzliche Prädiktoren folgende Parameter ausfindig gemacht werden: Stattgehabte variköse Blutung (Exp(B)=57,16, p = 0,000), Hämatochezie (Exp(B)=8,42, p = 0,000), maximales Laktat (innerhalb von 24h) (Exp(B)=1,14, p = 0,012), vorbekannte Varizen (Exp(B)=6,731, p = 0,000).

    Schlussfolgerung Wie in unserer Arbeit gezeigt werden konnte, lässt sich durch die bestehenden Risikoscores auch bei Intensivpatienten eine obere gastrointestinale Blutung vorhersagen, jedoch ist die Präzisität der Vorhersage im Vergleich zu nicht-Intensivpatienten eingeschränkt. Außerdem konnte gezeigt werden, dass zusätzliche Prädiktoren wie Blutdruck- und Herzfrequenzschwankungen, Serum-Laktat- und PTT-Werte, Bluttransfusions- und Katecholamin-Bedarf und Steroide signifikant mit dem Auftreten von oberen gastrointestinalen Blutungen, endoskopischen Interventionen und Mortalität korrelieren. Ziel sollte es daher sein, anhand der gewonnenen Informationen dieser Arbeit, eine prospektive, multizentrische Studie durchzuführen, um die Ergebnisse zu validieren und dadurch eine Grundlage für einen neuen, adaptierten Risikoscore, zugeschnitten auf Intensivpatienten, zu etablieren.


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    Publication History

    Article published online:
    08 September 2020

    © Georg Thieme Verlag KG
    Stuttgart · New York