Dtsch med Wochenschr 2009; 134(46): 2355
DOI: 10.1055/s-0029-1242695
Korrespondenz | Correspondence
Leserbrief
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Kosten für antihyperglykämische Arznei- und Verbrauchsmittel und Therapiezufriedenheit bei Typ-2-Diabetes

Ergebnisse der Versorgungsforschungsstudie LIVE-DECosts of antihyperglycemic treatment and consumables and treatment satisfaction in patients with type 2 diabetes. Results of a cross-sectional cost evaluation study of long-acting Insulin glargine compared with NPH insulin in Germany (LIVE-DE)W. Kerner
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Prof. Dr. med. W. Kerner

Klinik für Diabetes und Stoffwechselkrankheiten, Klinikum Karlsburg

Greifswalder Str. 11

17495 Karlsburg

Phone: 038355/701397

Fax: 038355/701582

Email: kerner@drguth.de

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Publication Date:
05 November 2009 (online)

Table of Contents #

Zum Beitrag aus der DMW 2009; 134: 1207–1213

Die Querschnittsstudie [1] vergleicht 2 Gruppen von Patienten mit Typ-2-Diabetes, die entweder mit Glargin-Insulin oder mit neutralem Protamin-Hagedorn (NPH)-Insulin behandelt werden. Die Autoren kommen aufgrund ihrer Interpretation der Daten zum Schluss, dass bei Patienten mit Typ-2-Diabetes Glargin-Insulin das Basalinsulin der ersten Wahl ist, weil es bei vergleichbaren Kosten den Vorteil der Einmalinjektion aufweist und zu einer höheren Patientenzufriedenheit führt. Es gibt allerdings Gründe, die erhebliche Zweifel an dieser generellen Aussage aufkommen lassen.

  1. Die untersuchten Gruppen sind nicht direkt vergleichbar, da es sich um Patienten in unterschiedlichen Krankheitsstadien handelt. Die Glargin-Gruppe hat eine kürzere Diabetesdauer (11,8 vs. 13,8 Jahre), weist weniger Folgeerkrankungen auf (42,7 % vs. 53,2 %) und wird weniger lang mit Insulin behandelt (5,2 vs. 7,0 Jahre). Besonders auffällig ist, dass in der Glargin-Gruppe 43 % und in der NPH-Gruppe nur 16,3 % der Patienten mit BOT (Basalinsulin-unterstützte orale Therapie) behandelt werden. Parallel dazu werden in der Glargin-Gruppe 48,6 %, in der NPH-Gruppe aber 79 % mit ICT (intensivierte Basal-Bolustherapie) behandelt. Alle erwähnten Unterschiede sind statistisch signifikant. Diese auch klinisch bedeutsamen Unterschiede lassen den eindeutigen Schluss zu, dass der Diabetes der in der Glargin-Gruppe behandelten Patienten einfacher, d. h. mit weniger Aufwand zu behandeln war als der Diabetes der Patienten in der NPH-Gruppe. Unter diesem Aspekt muss die Frage erlaubt sein, ob die in der Glargin-Gruppe ebenso hohen Kosten wie in der NPH-Gruppe wirklich gerechtfertigt sind.

  2. Die Unterschiede der Gesamtscores der zur Messung der Behandlungszufriedenheit verwendeten Instrumente zwischen beiden Gruppen sind gering bis minimal (z. B. IDTSQ 29,9 in der Glargin-Gruppe vs. 29,2 in der NPH-Gruppe). Auch wenn diese Unterschiede statistisch signifikant sind, muss sehr bezweifelt werden, dass ihnen eine klinische Relevanz zukommt.

  3. Ein Grund, den die Autoren für den bevorzugten Einsatz von Insulin-Glargin anführen, ist die Möglichkeit der Einmalinjektion im Vergleich zum NPH-Insulin. Dieses Argument trifft aber nur für eine eher geringe Zahl von Patienten zu. Bei der frühzeitigen Umstellung eines Patienten mit Typ-2-Diabetes auf eine Insulintherapie in Kombination mit oralen Antidiabetika ist eine einmalige Injektion auch von NPH-Insulin vor dem Zubettgehen in aller Regel ausreichend. Auch in der vorliegenden Studie spritzten weniger als 50 % der Patienten in der NPH-Gruppe dieses Insulin zweimal.

  4. Ein sehr interessanter, in der Arbeit aber nicht weiter kommentierter Befund ist der fehlende Unterschied der Häufigkeit von Hypoglykämien in beiden Gruppen. Dies gilt sowohl für schwere Hypoglykämien als auch für die Gesamtzahl der Hypoglykämien. Dies ist immerhin bemerkenswert, nachdem in verschiedenen Metaanalysen das geringere Auftreten von Hypoglykämien der einzige klinisch relevante Vorteil von Glargin-Insulin gegenüber NPH-Insulin bei der Behandlung des Typ-2-Diabetes ist.

Unter Berücksichtigung der genannten Argumente, ist die Aussage der Autoren, dass Insulin-Glargin das Insulin der ersten Wahl bei der Behandlung des Typ-2-Diabetes ist nicht haltbar. Es gibt keinen Grund, vom konventionellen Vorgehen abzuweichen, bei Ersteinstellung eines Patienten mit Typ-2-Diabetes NPH-Insulin als Mittel der ersten Wahl zu verwenden. Im weiteren Verlauf der Erkrankung kann es im individuellen Fall allerdings Gründe für die Umstellung auf Insulin-Glargin geben (z. B. Hypoglykämie-Neigung oder zunehmendes Insulin-Sekretionsversagen).

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Erratum

Dieser Artikel wurde geändert gemäß folgendem Erratum vom 16.11.2009:

Beim Leserbrief „Kosten für antihyperglykämische Arznei- und Verbrauchsmittel und Therapiezufriedenheit bei Typ-2-Diabetes" (Dtsch Med Wochenschr 2009; 134: 2355) wurde in der HTML-Version versehentlich die falsche Autorenschaft angegeben. Der richtige Autor heißt: W. Kerner.

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Literatur

Prof. Dr. med. W. Kerner

Klinik für Diabetes und Stoffwechselkrankheiten, Klinikum Karlsburg

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