Fortschr Neurol Psychiatr 2019; 87(01): 10-11
DOI: 10.1055/a-0802-9856
Editorial
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Lithium-Therapie: Suizidalität und neurobiologische Wirkung

Lithium therapy: Suicidality and neurobiological effects
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Publication Date:
25 February 2019 (online)

Nach Angaben der WHO beträgt das Risiko, an einer Depression oder bipolaren Störung zu erkranken, bis zu 21 Prozent. Diese affektiven Erkrankungen gehören zu den führenden Ursachen für die große Anzahl von Lebensjahren mit Behinderung weltweit [1]. Dabei beträgt das Risiko für Suizid bei affektiven Erkrankungen über 10 % und eine Meta-Analyse zeigte, dass Lithium effektiver als Plazebo in der Reduzierung von Suizidfällen war [2]. Petzold und Kollegen diskutierten in einer Übersichtsarbeit, dass Lithium unter den antidepressiven und phasenprophylaktisch wirksamen Substanzen die wirksamste Behandlung in der Phasenprophylaxe affektiver Erkrankungen und das einzige Medikament mit überzeugender suizidpräventiver Wirkung ist [3]. Dabei sind wirksame Lithiumspiegel eine Voraussetzung für das klinische Ansprechen und eine antisuizidale Wirkung. So wurde in Texas und Griechenland ein inverser Zusammenhang zwischen der Lithiumkonzentration im Trinkwasser und Suizid- und Homizidhäufigkeit gefunden [4] und dies spricht dafür, dass die Lithiumkonzentration im Gehirn mit der Aufnahme zum Beispiel durch das Trinkwasser zusammenhängt. Auch bei Altersdepression zeigten Stühler und Quante in einer Übersicht klinischer Studien die Wirksamkeit von Lithiumaugmentation, insbesondere bei therapieresistenter unipolarer Altersdepression [5]. Allerdings ist das individuelle Ansprechen auf die Therapie sehr variabel. So weisen bei bipolarer Erkrankung nur 30 % der behandelten Patienten eine dauerhafte Remission auf, während 30 % der Patienten nur partiell ansprechen und mehr als 40 % als Non-Responder anzusehen sind [6]. Es ist bislang noch unklar, welche Faktoren für die Wirksamkeit von Lithium eine Rolle spielen. Die Ergebnisse von Familienstudien sprechen dafür, dass das Ansprechen auf Lithiumtherapie genetisch vermittelt sein kann. In einer neuen Untersuchung konnte basierend auf genomweiten Assoziationsstudien des Internationalen Konsortiums für Lithiumgenetik (ConLi + Gen) bei über 2500 Patienten gezeigt werden, dass die Varianz des therapeutischen Ansprechens auf Lithium durch genetische Risiko-Varianten, den sogenannten „Single Nucleotide Polymorphisms“ (SNPs) bestimmt wird und diese genetischen Faktoren hier sogar eine größere Rolle spielen ist als bei Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) und Depression [7]. Im Tiermodell war Lithium erfolgreich gegen eine Stress-assoziierte Verschlechterung der Kognition und die Lithiumbehandlung konnte hierbei molekulare Veränderungen im Hippocampus erzeugen [8]. Weitere neurobiologische Studien sind notwendig um an der Therapieresponse beteiligte molekulare Systeme zu identifizieren. Ein neuer Untersuchungsansatz ist die Aufschlüsselung von Veränderungen des Darm-Mikrobioms bei psychischen Erkrankungen. Kahl und Kollegen zeigen in einer Übersicht in dieser Ausgabe, dass Depressionen, Lebererkrankungen, Alkoholkonsum, Stress und Altersprozesse das empfindliche Gleichgewicht der Darmmikrobiota verschieben und aufgrund einer erhöhten Darm-Permeabilität zu Entzündungsprozessen sowohl in der Leber als auch im Gehirn führen können [9]. Auch bei Anorexia Nervosa konnten Mörkl und Kollegen zeigen, dass die Alpha-Diversität, die die Anzahl von Bakterienarten im Darm repräsentiert, bei Anorexia Nervosa Patientinnen vermindert ist, und dadurch die Kalorienaufnahme zusätzlich negativ beeinflusst werden kann [10]. Solche biologischen Veränderungen, genetische Grundlagen und die Rolle von Psychopharmaka werden derzeit in klinischen Studien untersucht und in großen Patientengruppen sollten neue Erkenntnisse zu Grundlagen der Therapieresponse erlangt werden.