Z Geburtshilfe Neonatol 2019; 223(01): 56-57
DOI: 10.1055/a-0829-9606
Mitteilungen der DGPM
Kommentar
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Was geht uns das an…?!

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Publication Date:
21 February 2019 (online)

Wie immer am Jahreswechsel lasse ich das vergangene Jahr Revue passieren und schaue was im neuen Jahr so auf mich zukommt. Welche Schlagzeilen des Jahres 2018 werden wichtig bleiben?

  • Wärmstes Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichungen vor 130 Jahren [1]

  • Jahrhundertsommer mit Langzeit tropischen Temperaturen

  • Rhein und Elbe führen Niedrigwasser wie noch nie

  • Größter Wirtschaftsbetrug wird verharmlost zum Dieselskandal und bleibt, bis auf Fahrverbote in zahlreichen großen deutschen Städten für ältere Diesel, – noch – ohne Folgen

  • Klimagipfel in Katowice ignoriert IPCC-Sonderbericht 1,5° [2]

Ach, jetzt kommt das Gutmenschengequatsche auch schon in die ZGN – muss das sein? Was geht uns als Kinder- und Frauenärzte das schon an?

Naja, zum einen natürlich, weil ich persönlich betrogen wurde, als ich vor 5 Jahren ganz bewusst „BlueTec“ „made in Germany“ gekauft habe. Und zum zweiten jetzt höhere Benzin- und Dieselpreise bezahlen muss, weil die Öltanker nicht mehr den Rhein hinauf kommen und auf die Schiene umgestellt werden muss. Da aber die Kapazitäten nicht reichen, werden die Raffinerien in den Ballungszentren im Südwesten und am Mittelrhein kaum mehr ausreichend versorgt [3].

Der Klimawandel ist in Deutschland angekommen- und in unseren Krankenhäusern!

Erinnern Sie sich noch an die lähmende Hitze in den Patienten- und Behandlungszimmern? Welches Krankenhaus in Deutschland hat eine durchgehende Klimatisierung außerhalb des OP- und ITS-Bereiches? Neun der zehn wärmsten Jahre sind im 21. Jahrhundert gemessen wurden [4] – es ist nicht zu erwarten, dass sich dieser Trend ändert. Wird Geld da sein unsere Praxen und Krankenhäuser nachzurüsten?

Das ist keine rhetorische Frage, sondern eine eminent medizinische. Eine wesentliche Übersterblichkeit in Hitzeperioden wurde in Deutschland schon vor Jahren nachgewiesen – besonders betroffen sind Menschen mit Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes und Demenz (weil da auch das Durstempfinden vergessen wird) [5]. Das Hitzeextrem mit stärkstem Gesundheitseffekt war bisher der Sommer 2003, in dem europaweit über 50000 und in Deutschland etwa 7000 Menschen zusätzlich an den Folgen der Hitzebelastung starben [6].

Aber das betrifft nicht unbedingt unsere Patientenklientel, könnte man meinen. Doch auch das täuscht. Bereits 2013 publizierten italienische Kollegen, dass während Hitzeperioden in Rom die Frühgeburtlichkeit um 19% angestiegen ist [7]. Ein systematischer Review von immerhin 36 Studien bestätigt diese Assoziation und beschreibt auch ein höheres Risiko für fetale Wachstumsrestriktion und intrauterinem Fruchttod [8]. Und ganz aktuell zeigen Daten aus Seoul, dass pro 5,5° Temperaturanstieg die Frühgeburtenrate um ca. 3% steigt [9]. Das dürfte vor allem damit verbunden sein, dass die Rate an frühem vorzeitigem Blasensprung (PPROM) in den Sommermonaten pro 1° Temperaturanstieg um 5% (95%-KI 3–6) höher ist – zumindest in den USA [10]. Deutsche Zahlen gibt es dazu nicht…

Und dann steigt auch noch das Relative Risiko für ein neonatales Atemnotsyndrom auf 1,40 (95%-KI 1,25–1,56) – nein, nicht mit der Hitze, aber mit erhöhten Stickoxidwerten [11] – wie war das mit den Fahrverboten?

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Prof. Dr. Ekkehard Schleußner, Jena

Liebe Kollegen, schauen Sie sich die Botschaft des deutschen Raumfahrers Alexander Gerst aus der ISS an seine Enkel an [12]. Er hat Recht – Wir können nicht sagen, wir hätten es nicht wissen können.

Ihr
Ekkehard Schleußner, Schriftführer der DGPM