Rofo 2019; 191(07): 613-617
DOI: 10.1055/a-0857-6694
Editorial
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Flächendeckende Versorgung des akuten Schlaganfalls im Jahr 2016 und 2017 durch Neuro-Radiologen mittels mechanischer Thrombektomie in Deutschland anhand des DeGIR/DGNR-Registers

On the Basis of the DeGIR/DGNR Register Nationwide Care for Acute Ischemic Stroke Patients in 2016 and 2017 Using Mechanical Thrombectomy by Radiologists and Neuroradiologists
Ansgar Berlis
1  Diagnostische und Interventionelle Neuroradiologie, Neurozentrum, Augsburg, Germany
,
Dominik Morhard
2  Radiologie und Neuroradiologie, Leopoldina-Krankenhaus der Stadt Schweinfurt GmbH, Schweinfurt, Germany
,
Werner Weber
3  Radiology/Neuroradiology, University-Hospital Knappschaftskrankenhaus Bochum, Germany
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Publikationsverlauf

Publikationsdatum:
04. April 2019 (online)

Die akute Schlaganfallbehandlung hat im Jahr 2015 einen Paradigmenwechsel vollzogen. Die Standardtherapie der intravenösen rtPA-Behandlung (IVT) wurde auf Grundlage der neuen Studienlage ergänzt durch die mechanische Thrombektomie (MT), die bei Nachweis eines großen und relevanten Gefäßverschlusses der Hirngefäße der vorderen Zirkulation als Bridging-Therapie (MT und IVT) oder bei Kontraindikationen für die IVT als Monotherapie durchgeführt wird. In der Hermes-Analyse wurden 5 randomisierte Studien (MR CLEAN, ESCAPE, REVASCAT, SWIFT PRIME und EXTEND IA), die Daten zwischen 2010 und 2014 erhoben haben, in einer Metaanalyse ausgewertet [6]. Die Datenanalyse untermauert die sehr offen gehaltene S2k-Leitlinie zur Behandlung des akuten Schlaganfalls [1]. Hiernach profitieren Patienten bis zu 420 Minuten nach Schlaganfallbeginn von der MT, sodass das bislang starre 6-Stunden-Zeitfenster als starre Indikationsgrenze fällt. Die Studienlage beruht auf ca. 85 % Behandlungen mit Bridging-Therapie, sodass die Indikation für die IVT nach wie vor im Rahmen der Leitlinie besteht.

Der deutlich höhere Anteil an akuten Schlaganfallbehandlungen erfolgt mittels IVT als symptomorientierte Behandlung ohne Nachweis eines Gefäßverschlusses und ist damit meist eine unspezifische symptomorientierte Behandlung. Demgegenüber ist die MT eine spezifische verschlussorientierte Behandlung mit dem Ziel der gezielten Gefäßeröffnung [8]. Der klinische Erfolg der Methode korreliert mit dem Grad der Rekanalisation und der Zeit bis zur erfolgreichen Rekanalisation des Gefäßes.

Die flächendeckende Umsetzung dieser evidenzbasierten Methode hat in der stationären klinischen Versorgung dieser Patienten zu Veränderungen geführt. Das dichte Netzwerk von Stroke-Units (SU) nimmt jährlich zu. So hat sich die Zahl der SUs auf 309 erhöht und die Anzahl der überregionalen SU, die eine endovaskuläre 24/7 Schlaganfallversorgung mit MT vorhalten müssen, ist ebenfalls kontinuierlich auf 111 Einrichtungen gestiegen (Stand 1. März 2018) [4].

Eine zunehmende Anzahl radiologischer und neuroradiologischer Institute bieten die MT während der Regelarbeitszeit oder ganzjährig 24/7 an. Für die Zeit vor der Publikation der positiven Studienergebnisse zur MT haben Eyding et al. (2017) eine Auswertung der strukturierten Qualitätsberichte der Krankenhäuser der Jahre 2010 bis 2015 vorgenommen. Erfreulich sind der bundesweite Anstieg an rtPA-Behandlungen von 8 % auf 12,2 % und der Anstieg an MT von 0,7 % auf 3,1 % [5].

Bezüglich der Datenqualität dieser strukturierten Qualitätsberichte gibt es allerdings Einschränkungen. Die Veröffentlichung der dort registrierten Behandlungszahlen hinkt in der Regel zeitlich der tatsächlichen Entwicklung hinterher. Die Daten werden von den jeweiligen Kliniken freigegeben, ohne dass eine übergeordnete Überprüfung der Kodierung stattfindet.

Das Problem der zuletzt für 2015 präsentierten DeGIR/DGNR-Datenanalysen zur MT in Deutschland lag darin, dass die Datenbank für Modul E neben der MT auch Daten zur Schlaganfallbehandlung im Rahmen einer Vasospasmus-Behandlung sowie elektive Eingriffe wie Karotis-Stenting und die Behandlung intrakranieller Stenosen beinhaltet [3]. Ein weiteres Problem ist, dass die Dateneingabe freiwillig ist. Nicht alle Kliniken nehmen teil, Daten erscheinen nicht, weil unvollständig oder gar nicht eingegeben wurde. Damit spiegeln zwar die präsentierten Zahlen nicht die realen Behandlungszahlen wider, sie zeigen aber einen eindeutigen Trend.

Zum Teil bestehen erhebliche Differenzen zwischen realen und im Register aufgeführten Behandlungszahlen. Dies nehmen einige Teilnehmer des Registers zum Anlass, dass ihre Daten nicht öffentlich gemacht werden. Dieser Umstand ist zwar nachvollziehbar, zeigt aber auch die Sensibilität bezüglich einer nicht optimalen Klinikpräsentation im Vergleich mit umliegenden Kliniken, die ein vergleichbares Behandlungsspektrum anbieten. Dies wird vermutlich so lange bestehen bleiben, bis die Dateneingabe verpflichtend wird und eine sektorale Versorgung der Patienten umgesetzt wurde.