Psychother Psychosom Med Psychol 2020; 70(02): 57-64
DOI: 10.1055/a-0887-4611
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Patientenratgeber bei Depression: Wie evidenzbasiert sind sie?

Advice Literature on Depression: How Evidence-Based is it?
Corina Carmen Blunschi
1  Psychologisches Institut, Klinische Psychologie mit Schwerpunkt Psychotherapieforschung, Universität Zürich, Schweiz
,
Birgit Watzke
1  Psychologisches Institut, Klinische Psychologie mit Schwerpunkt Psychotherapieforschung, Universität Zürich, Schweiz
› Author Affiliations
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Publication History

eingereicht 28 October 2017

akzeptiert 20 February 2019

Publication Date:
03 June 2019 (online)

Zusammenfassung

Einleitung Ratgeberbücher für Menschen mit Depressionen und deren Angehörige sind weitverbreitete und niedrigschwellige Informationsquellen, die im Sinne des Empowerments dazu beitragen können, dass Depressionen früher erkannt und fachgerecht behandelt werden. Eine Überprüfung ihrer Qualität, insbesondere ihrer Evidenzbasierung, steht noch aus. Vor diesem Hintergrund wurden die Inhalte von Depressionsratgebern untersucht, indem sie systematisch mit Inhalten und Empfehlungen der S3-/NV-Leitlinie für Unipolare Depression verglichen wurden.

Methoden Basierend auf einer systematischen Recherche in Datenbanken des Buchhandels wurden die 30 am meisten verbreiteten deutschsprachigen Ratgeber analysiert. Hierfür wurde ein Ratinginstrument (RLP-D) mit 54 Diagnostik- und Behandlungsitems aus der aktuellen S3/NV Leitlinie abgeleitet. Mittels RLP-D führte eine Raterin bei den Ratgebern sowohl Ausführlichkeits- als auch Korrektheitsratings durch.

Ergebnisse Zwischen 7,4 und 81,5% der Items, d. h. der Leitlinieninhalte, fehlen in den analysierten Ratgebern (Mdn=25,9%, IQR=22,7%). Im Mittel wird ca. ein Drittel der Items ausführlich und ohne Widersprüche zur Leitlinie beschrieben (Mdn=36,1%, IQR=17,1%, Range: 1,9–64,8%). Bei im Mittel ca. einem Fünftel (Mdn=20,4%; IQR=19,0%, Range: 2,9–47,6%) der beschriebenen Items zeigen sich klinisch relevante Abweichungen von der Leitlinie. Informationen zur Psychotherapie und Pharmakotherapie als Behandlungsmöglichkeit sind die am häufigsten ausführlich und korrekt abgedeckten Inhalte, sie werden jeweils in mehr als 83% der Ratgeber ausführlich und korrekt angegeben.

Diskussion Es zeigt sich eine beträchtliche Variabilität sowohl in der Ausführlichkeit als auch der Korrektheit diagnostischer und therapeutischer Inhalte zwischen den Ratgebern; dies gilt auch und insbesondere für die besonders kritisch anzusehenden fehlerhaften Inhalte von Ratgebern. Die weiterführende Überprüfung des Ratinginstrumentes RLP-D stellt einen wichtigen nächsten Arbeitsschritt dar. Eine Anwendung und Reduktion auf die Core-Inhalte der Leitlinie könnte das aktuell recht aufwändige Ratingverfahren der Qualitätsbewertung vereinfachen.

Schlussfolgerung Obwohl einige Basisinformationen in fast allen Ratgebern gegeben werden, können Depressionsratgeber aufgrund der grossen Qualitätsunterschiede nicht per se empfohlen werden. Systematische Qualitätsbewertungen sollten etabliert werden, um eine fundierte Auswahl von Ratgebern zu ermöglichen, eine Basis sowie einen Anreiz für deren Weiterentwicklung zu geben und hierüber die Information und Aufklärung von Patienten zu verbessern.

Abstract

Introduction Advice literature on depression for patients and their relatives is a widespread and low-threshold source of information. In terms of empowerment of the patients it can contribute to the early detection and effective treatment of the disorder. An evaluation of its content quality, particularly its evidence base, is still missing. Considering this, the content of advice literature on depression is reviewed by comparing it systematically with content and recommendations from the German S3-/NV-guideline on unipolar depression.

Methods Based on a systematic search within the data base of the book trade, the 30 most widespread German advice books were analysed. For this purpose a rating instrument (RLP-D) with 54 items on diagnostics and treatment was derived from the current S3-/NV-guideline. With the help of the RLP-D one rater analysed both elaboration and accuracy of the 30 books’ content.

Results Between 7.4 and 81.5% of the items i. e. of the guideline content, are missing in the analysed advice books (Mdn=25.9%, IQR=22.7%). On average a third of the 54 items is covered extensively as well as without contradictions to the guideline (Mdn=36.1%, IQR=17.1%, Range: 1.9–64.8%). A fifth of the covered items (Mdn=20.4%; IQR=19.0%, Range: 2.9–47.6%) shows clinically relevant contradictions to the guideline content. Information about psychotherapy and pharmacotherapy as treatment options is the content which is covered extensively and correctly most often: The information is given in more than 83% of the books.

Discussion There is a substantial variability concerning the elaboration and accuracy of the diagnostics and treatment content in advice literature. This also applies to the especially concerning erroneous content in advice literature. The further evaluation of the rating instrument RLP-D is a next important step. An application and reduction to the core contents of the guideline could facilitate the currently rather complex and laborious rating system.

Conclusion Although some basic information is given in almost all of the analysed books, advice literature on depression cannot be recommended per se due to the large differences in quality. Systematic evaluations of quality should be established in order to facilitate a well-grounded choice of literature in order to improve the information for patients.

Ergänzendes Material