PSYCH up2date 2020; 14(04): 327-343
DOI: 10.1055/a-0889-3497
Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen

Alles Trauma? – Ein aktueller Blick auf die „Posttraumatische Belastungsstörung“

Andreas Wiggers
,
Christian Stierle
,
Maria Rolvering-Dijkstra

Subject Editor: Wissenschaftlich verantwortlich gemäß Zertifizierungsbestimmungen für diesen Beitrag ist Dr. med. Andreas Wiggers, Bad Arolsen.

Menschen sehen sich anhaltend mit Terroranschlägen, Naturkatastrophen, exzessiver medialer Berichterstattung über Gewalttaten und Verbrechen sowie Kriegstraumata konfrontiert. Dies kann massive Folgen bei Betroffenen bis hin zu einer komplexen biopsychosozialen Systemerkrankung nach sich ziehen. Neben anderen Traumafolgestörungen stellt die Behandlung der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) oft eine besondere Herausforderung dar.

Kernaussagen
  • Moderne Traumatherapie basiert auf einem umfassenden, integrativen Verständnis bestehender Störungsmodelle.

  • Die PTBS ist eine biopsychosoziale Störung nach traumatischen Ereignissen. Ihr liegt eine Erinnerungsstörung über die auslösende Situation und der eigenen darauffolgenden Reaktion zugrunde.

  • Multisensorische Erinnerungsfragmente mit Hier-und-Jetzt-Charakter können zu erheblichen Beeinträchtigungen des Alltagslebens führen. Verdrängungs- und Vermeidungsversuche verstärken die Symptomatik und können die psychosoziale Integration des Erlebten verhindern. Dissoziative Störungen erschweren den Realitätsbezug und schwächen zusätzlich die bereits reduzierte Funktionsfähigkeit im Alltag.

  • Basierend auf einer sicherheitsvermittelnden vertrauensvollen Beziehungsgestaltung kann eine bedürfnisangepasste personenzentrierte traumafokussierte Therapie ein posttraumatisches Wachstum ermöglichen. Grundlage ist das Recovery-Konzept, welches ressourcenfokussierend die individuelle Resilienz stärkt und auf eine hilfreich erlebte Bedeutungszuschreibung im Rahmen der integrativ ausgerichteten Traumaverarbeitung abzielt.

  • Neurobiologische Erkenntnisse helfen in der strategischen Ausrichtung und effektiven Gestaltung des therapeutischen Vorgehens. Funktionsstörungen neuronaler Netzwerke können im Rahmen einer personalisierten integrativen Psychotherapie zunehmend günstig beeinflusst werden.

  • Gerade bei therapieresistenten Verläufen lohnt sich die diagnostische Abklärung einer möglichen Psychotraumatisierung und damit einhergehender Therapiemodifikation.



Publication History

Publication Date:
06 July 2020 (online)

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