Allgemeine Homöopathische Zeitung 2020; 265(01): 3
DOI: 10.1055/a-0966-1005
Editorial

Zwischen Körper und Geist

Das Reizdarmsyndrom (RDS) wird auf der Symptomebene definiert, seine Ätiologie ist unklar oder zumindest umstritten. Schmerzen und Unwohlsein im Bauchraum, häufig wiederkehrende Diarrhö oder Obstipation und Flatulenz scheinen banale Symptome zu sein, können die Patienten jedoch sehr irritieren und einschränken. Wenn chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, Neoplasien oder Nahrungsmittelunverträglichkeiten ausgeschlossen werden können, bleibt es für den Patienten bei der Diagnose Reizdarmsyndrom. Und wie geht es weiter?

Diäten werden probiert, verdächtige Nahrungsmittel gemieden, Probiotika eingenommen. Man fragt sich, ob der Hype um laktosefreie und glutenfreie Nahrungsmittel mit der endemischen Verbreitung des Reizdarmsyndroms zu tun hat. Das RDS weist eine hohe Prävalenz in der Bevölkerung auf, bis zu 50 % der Konsultationen beim Gastroenterologen gehen zulasten des RDS (Wikipedia). Die Dunkelziffer ist hoch, denn oft tarnt sich das RDS als Laktose- oder Fruktoseintoleranz.

Durch das Weglassen entsprechender Nahrungsmittel wird der Patient jedoch nur selten beschwerdefrei. Bald ist er mit seinem Latein am Ende und das Essen, normalerweise eine Quelle von Genuss, wird immer komplizierter. Er meidet das Essen außerhalb des Hauses, weil er nicht genau weiß, was drin ist. Er kann wegen morgendlicher Übelkeit, Bauchschmerzen oder Diarrhö nicht zur Arbeit gehen. Kinder klagen morgens vor der Schule „Mir ist so schlecht“ und die Eltern fragen sich, was das zu bedeuten hat. Isolierte Phobien sind häufige Begleiterscheinungen, und hat die Krankheit erst mal richtig Fahrt aufgenommen, trägt sie Züge einer sozialen Angststörung.

Wie kommt es, dass so viele Pseudoerklärungen bereitgestellt werden, auf die sich die Kranken stürzen, um letztlich im Stich gelassen zu werden? Der Schluss liegt nahe, dass das RDS eine der häufigsten psychosomatischen Krankheiten unserer Zeit ist.

Doch kaum hat man dies ausgesprochen, setzt man sich dem Verdacht aus, die Krankheit nicht ernst zu nehmen. „Bilde ich mir das alles nur ein?“, fragt der Patient vorwurfsvoll. Es handelt sich jedoch nicht um eingebildete Kranke, sondern um Kranke mit hohem Leidensdruck, die in kein Raster passen, weil sie weder beim Gastroenterologen noch beim Psychiater richtig sind.

„Die meisten Nervenzellen außerhalb des Gehirns befinden sich im Darm. Das sogenannte ‚Bauchhirn‘ besteht aus 100 Millionen Zellen, welche die komplette Darmwand durchziehen … Gefühle werden also auch im Darm gespürt. Wenn Affekte wie Angst oder Wut innerhalb des Gehirns nicht bewusst wahrgenommen und gesteuert werden, übertragen sie sich unbewusst über die Darm-Hirn-Achse auf den Darm und werden als Körpersymptome ausgedrückt“, schreibt Ingrid Pfanzelt in ihrem Plädoyer für die psychosomatische Genese der Darmerkrankungen.

Ernst Trebin leitet seinen Beitrag mit einer Selbsterfahrung ein, da er die Zusammenhänge zwischen Magen und Psyche am eigenen Leib erfahren hat. Anton Rohrer ist Hahnemann so nah wie kein anderer, wenn er seinen Fall von Reizdarmsyndrom nach Kummer und Angst mit dem Symptomlexikon von Uwe Plate löst. Anna Gerstenhöfer stellt einen Fall von Morbus Parkinson vor, in dem sie die Behandlung von interkurrenten Akutkrankheiten, in diesem Fall gastrointestinalen Symptomen, diskutiert. Die Arbeit über den „Honeymoon-Effekt“ von Christoph Abermann und Kerstin Klinger beschreibt ein besonderes Phänomen: das der homöopathischen Erstverbesserung. Es ähnelt dem berauschenden Effekt der Verliebtheit … aber lesen Sie selbst.

Die Homöopathie hat den Vorteil, eine Therapie an der Schnittstelle zwischen Körper und Geist zu sein und den Patienten eben dort abholen zu können. Aufgrund der Wirkung der potenzierten Arzneien auf unsere geistartige Lebenskraft, „percipirt durch den im Organism allgegenwärtigen Fühlsinn der Nerven“ (Organon § 16) ist die Homöopathie bei psychosomatischen Krankheiten, so auch beim RDS, die Therapie der Wahl.

Viel Spaß beim Lesen wünscht

Anne Sparenborg-Nolte



Publikationsverlauf

Publikationsdatum:
24. Januar 2020 (online)

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