Deutsche Zeitschrift für Onkologie 2020; 52(03): 111-116
DOI: 10.1055/a-1135-3566
Forschung

Spirituelle Bedürfnisse von Tumorpatienten verändern sich während der palliativmedizinischen Betreuung kaum

The Spiritual Needs of Tumor Patients Hardly Change During Palliative Care
Arndt Büssing
1  Professur Lebensqualität, Spiritualität und Coping, Institut für Integrative Medizin, Fakultät für Gesundheit, Universität Witten/Herdecke
,
Klaus Baumann
2  Caritaswissenschaft und Christliche Sozialarbeit, Fakultät für Theologie, Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg
,
Jochen Rentschler
3  Abteilung Hämatologie und internistische Onkologie, Palliativmedizin, Ortenau Klinikum, Offenburg-Kehl
,
Gerhild Becker
4  Lehrstuhl für Palliativmedizin, Klinik für Palliativmedizin, Universitätsklinikum Freiburg, Fakultät für Medizin, Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg
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Zusammenfassung

Hintergrund Die Dauer des Aufenthalts von Patienten auf Palliativstationen (PCU) nimmt ab und damit vermutlich auch die Möglichkeit, eine tiefergreifende Unterstützung im Sinne von Spiritual Care bereitzustellen. Ziel unseres Projektes war es daher, die spirituellen Bedürfnisse der Patienten zu Beginn und am Ende ihres PCU-Aufenthalts zu analysieren.

Methoden Zunächst Analyse von 118 Patienten (hauptsächlich mit Tumorerkrankung) und anschließend Prä-Post-Vergleich (gepaarter t-Test) der Daten von 62 bzw. 58 Patienten hinsichtlich ihrer spirituellen Bedürfnisse (SpNQ-20), des spirituellen Wohlbefindens (FACIT-Sp), Lebenszufriedenheit (BMLSS), Zufriedenheit mit der Team-Unterstützung (BMLSS) und dem wahrgenommenen Gesundheitszustand (VAS) mit standardisierten Fragebögen in zwei PCUs.

Ergebnisse Von den spirituellen Bedürfnissen der Patienten waren die Bedürfnisse nach Innerem Frieden und die Bedürfnisse nach Geben/Generativität am stärksten ausgeprägt, die religiösen Bedürfnisse und existenziellen Bedürfnisse waren geringer ausgeprägt. Hinsichtlich ihres spirituellen Wohlbefindens war diese am größten für die Dimension Sinn/Bedeutung, gefolgt von Frieden und Glauben. Die meisten blieben 2–3 Wochen in der palliativmedizinischen Behandlung auf der PCU. Innerhalb dieses Zeitraums änderten sich weder ihre spirituellen Bedürfnisse noch ihr spirituelles Wohlbefinden oder ihre Lebenszufriedenheit signifikant, während sich ihr wahrgenommener Gesundheitszustand leicht verbesserte. Die Zufriedenheit mit der Teamunterstützung war sehr hoch.

Schlussfolgerungen Der Zeitrahmen für eine tiefgreifende Unterstützung der spirituellen Betreuung ist eher begrenzt. Obwohl – oder gerade weil – sich die meisten in Bezug auf ihre spirituellen Bedürfnisse unterstützt fühlten, änderten sich weder ihre Bedürfnisse noch ihr Wohlbefinden signifikant. Die individuelle Entwicklung der spirituellen Bedürfnisse und des spirituellen Wohlbefindens können sehr unterschiedlich sein; daher muss sich das Krankenhauspersonal bewusst sein, dass während des Aufenthaltes auch eine Verstärkung der spirituellen Bedürfnisse und eine Verschlechterung des spirituellen Wohlbefindens auftreten können, was entweder auf eine stärkere Bewusstwerdung oder auf eine Zunahme von Angst und Belastung hinweisen kann.

Abstract

Background Duration of patients’ stay in palliative care units (PCU) is decreasing, and thus options to profoundly provide spiritual care do so, too. Our aim was to analyze patients’ unmet spiritual needs at the beginning and further end of their PCU stay.

Methods Basic analysis of 118 patients (mainly with cancer) and pre-post analysis (paired t-test) of 62 resp. 58 patients’ spiritual needs (SpNQ-20), spiritual wellbeing (FACIT-Sp), life satisfaction (BMLSS), satisfaction with team support (BMLSS) and perceived health status (VAS) with standardized questionnaires in 2 PCUs.

Results Among patients’ unmet spiritual needs, Inner Peace needs and Giving/Generativity needs scored highest, Religious needs and Existential needs scored rather low. The Meaning component of their spiritual wellbeing scored highest, followed by Peace and Faith. Most stayed for 2–3 weeks at the PCU. Within this time frame, neither their spiritual needs nor their spiritual wellbeing nor life satisfaction changed significantly, while their perceived health status slightly improved. Their satisfaction with team support was very high.

Conclusions The time frame to provide profound spiritual care support is rather limited. Although – or rather because? – most patients felt supported in terms of their spiritual needs, neither their needs nor their wellbeing scores changed significantly. The individual development of spiritual needs and spiritual wellbeing might be very different, and thus hospital staff has to be aware that also an ‘aggravation’ of unmet needs and wellbeing could be expected (indicating either stronger awareness or increase of fear and burden).



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Publication Date:
06 June 2020 (online)

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