Anästhesiol Intensivmed Notfallmed Schmerzther 2021; 56(02): 125-134
DOI: 10.1055/a-1154-6944
Fortbildung

Diabetes mellitus in der Anästhesie – optimale perioperative Blutzuckerkontrolle

Diabetes mellitus in Anaesthesia – Optimal Blood Sugar Control in the Perioperative Phase
Felix Alscher
,
Bettina Friesenhahn-Ochs
,
Tobias Hüppe

Zusammenfassung

Engleiste Blutzuckerspiegel können in der perioperativen Phase gefährlich werden für Patienten mit Diabetes – insbesondere, wenn der Blutzucker 250 mg/dl überschreitet oder der aktuelle HbA1c-Wert über 8,5 – 9% liegt. Dieser Beitrag bietet eine Hilfestellung im perioperativen Umgang mit Patienten mit Diabetes und zeigt praktische Handlungsempfehlungen für eine optimale Blutzuckerkontrolle durch orale Antidiabetika und Insulin.

Abstract

Uncontrolled high blood sugar can be dangerous for diabetics throughout the perioperative period – in particular, when blood glucose levels exceed a threshold of 250 mg/dl or HbA1c levels are higher than 8.5 – 9%. In such cases, all elective surgery should be withheld to minimize the risk of severe complications. Due to their cardiovascular comorbidities, diabetics are commonly overrepresented in hospitals, tend to require inpatient care for an extended period of time, and suffer from higher mortality rates. In order to reduce negative outcomes, blood glucose levels should be targeted to 140 – 180 mg/dl on intensive care units or during surgery. Current literature suggests that non-critically ill diabetics should be treated with rapid-acting insulin analogues subcutaneously in operating theatres, whereas critically ill patients should receive continuous intravenous insulin infusions using a standardized protocol. In summary, this review can give a hand in dealing with diabetics during the perioperative period and offers guidance in controlling blood sugar levels with the help of oral antidiabetic drugs and insulin.

Kernaussagen
  • Patienten mit Diabetes sind aufgrund ihrer kardiovaskulären Komorbiditäten im stationären Patientenkollektiv überrepräsentiert. Sie haben im Vergleich zu Patienten ohne Diabetes längere Verweildauern sowie höhere Mortalitätsraten.

  • Elektive Operationen sollten weder bei einem HbA1c-Wert von > 8,5 – 9% noch bei einem Spontanblutzucker von > 250 mg/dl durchgeführt werden.

  • Der Blutzucker sollte im Allgemeinen in der perioperativen Phase und auf Intensivstationen zwischen 140 und 180 mg/dl liegen.

  • Eine akute intraoperative Insulinresistenz wird durch antiinsulinär wirkende Hormone – vor allem durch Cortisol, Wachstumshormon, Glukagon und Katecholamine – ausgelöst. Sie kann bei jeglicher Art eines operativen Traumas auftreten.

  • Die Gefahr einer Hypokaliämie ist bei i. v. Bolusgabe von Insulinen infolge der hierbei auftretenden deutlich erhöhten Blutplasmakonzentrationen ausgeprägt.

  • Kurzwirksame Insulinanaloga besitzen – laut den jeweiligen Fachinformationen – ausnahmslos in Deutschland die Zulassung zur i. v. Anwendung. Sie verhalten sich bei i. v. Gabe sowohl pharmakokinetisch als auch pharmakodynamisch identisch zu i. v. Normalinsulin: Sie provozieren denselben blutzuckersenkenden Effekt.

  • Subkutan applizierte kurzwirksame Insulinanaloga besitzen für das operative Setting günstigere pharmakologische Eigenschaften als das bis heute in deutschen OP-Sälen gängige Normalinsulin. Sie sollten bei nicht kritisch kranken Patienten zur Blutzuckertherapie im OP eingesetzt werden.

  • Bei kritisch kranken Patienten sollte eine kontinuierliche i. v. Zufuhr von kurzwirksamem Insulinanalogon mithilfe eines Glukose-Insulin-Perfusors im Rahmen eines standardisierten Schemas erfolgen.



Publication History

Article published online:
19 February 2021

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