Phlebologie 2020; 49(05): 305-316
DOI: 10.1055/a-1238-6657
Originalarbeit

Lipödem und Schmerz – Welche Rolle spielt die Psyche? – Ergebnisse einer Pilotstudie mit 150 Patientinnen mit Lipödem-Syndrom

Article in several languages: English | deutsch
Gabriele Erbacher
1  Foeldi Clinic Hinterzarten, European Centre for Lymphology
2  Dipl.-Psychologin, Psychologische Psychotherapeutin, Supervisorin (hsi)
,
Tobias Bertsch
1  Foeldi Clinic Hinterzarten, European Centre for Lymphology
› Author Affiliations

Zusammenfassung

Einleitung Die vorliegende explorative Studie ist die bislang erste, in der die psychische Belastung im Zeitraum vor Auftreten der Lipödem-assoziierten Schmerzsymptomatik erforscht wird.

Methode 150 Patientinnen mit Lipödem-Syndrom wurden in halbstrukturierten Interviews zu psychischen Belastungen befragt und zu psychischen Störungsbildern nach ICD-10-Kriterien diagnostiziert. In einem zweiten Interviewstrang wurde die Entwicklung der Lipödem-typischen Beschwerden erhoben. Im Anschluss erfolgte gemeinsam mit den Patientinnen das Überblenden beider Interviewbereiche, d. h. Lipödem-assoziierte Schmerzen und psychische Belastungen wurden in einen zeitlichen Zusammenhang gesetzt.

Ergebnis Exakt 80 % der Patientinnen mit der Diagnose Lipödem zeigten eine hohe psychische Belastung unmittelbar im Zeitraum vor der Entstehung Lipödem-assoziierter Beschwerden! Psychische Belastung wurde in dieser Studie definiert als das Vorliegen einer manifesten psychischen Störung (ICD-10-F-Diagnose), wie z. B. Depression, Essstörung oder posttraumatische Belastungsstörung, oder/und gravierende psychische Auffälligkeit, wie z. B. Burnout-Syndrom oder chronischer Stress.

Zusammenfassung Die Ergebnisse widersprechen damit einem weit verbreiteten Statement, dass alle psychischen Probleme von Patientinnen mit der Diagnose Lipödem-Syndrom ausschließlich durch das Lipödem bedingt seien, ein Lipödem sogar psychisch krank mache.

Depression und Traumafolgestörungen stehen darüber hinaus in signifikantem Zusammenhang mit den von den Patientinnen eingeschätzten maximalen Schmerzstärken im Alltag. Dies macht deutlich, dass die Therapie für Patientinnen mit der Diagnose Lipödem neu gedacht werden und die psychosoziale Säule zwingend in einem Gesamttherapiekonzept verankert werden muss.



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Publication Date:
16 October 2020 (online)

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