Balint Journal 2023; 24(01): 26-27
DOI: 10.1055/a-2009-1689
Über den Zaun

Tod auf der Intensivstation: Wie ein 3-schrittiges Programm Angehörige entlastet

Der Abschied von Patienten und Patientinnen auf Intensivstationen kann bei Nahestehenden schwere Spuren hinterlassen und zu langfristigen Ängsten, Depressionen und posttraumatischen Belastungsstörungen führen. Unzureichende Kommunikation, Empathie, Unterstützung und Wortwahl erhöhen das Risiko. Die Autorinnen und Autoren der randomisierten Studie sind überzeugt, dass Verbesserungen erlernbar sind und belegen dies mit einer Intervention mit 484 Angehörigen.

Das proaktive Programm wurde ärztlich geleitet und durch die versorgende Pflegekraft unterstützt. Aufgenommen wurden Familienmitglieder, Partner*innen und andere enge Bezugspersonen von>18-jährigen Patient*innen, die mindestens 2 Tage auf der Intensivstation waren und bei denen wegen des unausweichlichen Todes die therapeutischen Maßnahmen zurückgenommen oder abgebrochen wurden. Der eigentlichen Intervention ging eine intensive Schulung voraus. Ein Schwerpunkt von interaktiven Sitzungen und Trainingseinheiten war die Kommunikation. Das Programm wurde auf Videos präsentiert und war in einer Broschüre zusammengefasst. Darin standen die Kernpunkte für die verbale und nonverbale Kommunikation. Nach einer 1-monatigen Implementierungsphase folgte das eigentliche Programm in 3 Schritten:

  • Arzt/Ärztin und Pflegekraft kamen mit den Nahestehenden bei einer Familienkonferenz zusammen. Es bestand die Gelegenheit, Gefühle auszusprechen, Fragen zu stellen, medizinische Sachverhalte zu klären und es wurde die Zusicherung einer zugewandten Patientenversorgung bis zum Tod gegeben. Grundpfeiler waren aufmerksames Zuhören, Sensibilität für die nonverbale Kommunikation und Empathie. Inhaltlich standen die Angemessenheit der Therapiereduktion, die Ermutigung, Gefühle auszudrücken, die Einladung, an der Pflege teilzuhaben, die Bestärkung, Abschied zu nehmen, Raum für Fragen und die gewünschte Anwesenheit/Abwesenheit beim Sterben im Mittelpunkt.

  • Fußnote *Kentish-Barnes N et al. A three-step support strategy for relatives of patients dying in the intensive care unit: a cluster randomised trial. Lancet 2022; 399: 656–664. doi:10.1016/S0140–6736(21) 02176–0

  • In der Sterbephase wahrten der Arzt/die Ärztin und die Pflegekraft die Privatsphäre, aber sie kamen getrennt mindestens einmal ins Patientenzimmer. Die Angehörigen sollten sich nicht verlassen fühlen und die Möglichkeit haben, zusätzliche Wünsche, z. B. nach spiritueller Begleitung, zu äußern und wurden ermutigt, auch auf sich selbst zu achten. Mögliche Symptome im Sterbeprozess fanden Erklärung.

  • Nach dem Tod kondolierten Arzt/Ärztin und Pflegekraft in einem speziell dafür vorgesehenen Raum und beantworteten Fragen zum Intensivaufenthalt und zum Sterben. Die Angehörigen hatten Gelegenheit, ihre Gefühle zu zeigen und sollten sich damit angenommen fühlen. Die Nahestehenden erhielten die Möglichkeit eines weiteren Gesprächs mit dem Team und erfuhren von Unterstützungsmöglichkeiten bei schwierigen Trauerprozessen. Falls kein persönlicher Austausch stattfand, gab es die Gelegenheit zu einer Begegnung am Folgetag oder zum telefonischen Kontakt.

In der Interventionsgruppe waren 484 Angehörige und in der Kontrollgruppe 391 Angehörige, die die Standardversorgung erhielten. Auch in dieser Gruppe erfolgten teilweise Familienkonferenzen, wobei allerdings keine vorherige Schulung stattfand und in der Regel keine Pflegekräfte eingebunden waren. Nach 1, 3 und 6 Monate führten trainierte Psycholog*innen telefonisch Testbatterien durch. Wichtigster Endpunkt war der Anteil der Angehörigen mit einer schwierigen Trauerreaktion nach 6 Monaten (Grief-13-Questionnaire≥30 Punkte). Weitere Endpunkte waren u. a. die Erfahrungen der Nahestehenden, die Qualität von Sterben und Tod, Zufriedenheit mit der Kommunikation, Symptome von Angst, Depression und posttraumatischer Belastung.

  • 93%, 92% und 85% der Angehörigen durchliefen Schritt 1 bis 3. Der Vergleich zur Kontrollgruppe bestätigte den Zusatznutzen des Programms:

  • signifikant niedrigerer PG-13-Score (p=0,035),

  • weniger Angehörige mit PG-13≥30,

  • bessere Erfahrungen auf der Intensivstation, höhere Zufriedenheit und größere Angemessenheit von Sterben und Tod,

  • weniger posttraumatischer Stress und seltener Ängste.

Fazit

Das innovative Programm adressierte laut den Autor*innen kritische Punkte: die Vorbereitung der Angehörigen auf den Sterbeprozess und Tod, das Erkennen von Bedürfnissen durch Begleitung während des Sterbens und die Klärung von Unsicherheiten/Fragen nach dem Tod. Die Intervention sei einfach zu implementieren und Kosten entstünden nur durch die aufgewendete Zeit. Der Kommunikationsstil verdiene, verbreitet auf Intensivstationen Anwendung zu finden.

Dr. med. Susanne Krome, Melle



Publikationsverlauf

Artikel online veröffentlicht:
22. März 2023

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