Krankenhaushygiene up2date 2025; 20(04): 314-315
DOI: 10.1055/a-2592-7245
Studienreferate

Kommentar zu „Klinischer Blick besser als sein Ruf?“

Authors

    Contributor(s):
  • Sebastian Schulz-Stübner

10.1055/a-2592-7220

Zunächst ist festzustellen, dass sich das Rettungswesen in den USA (Paramedicsystem) vom deutschen System mit Notfallsanitätern und Notärzten wesentlich unterscheidet.

Insofern ist den Autoren zuzustimmen, dass die internationale Übertragbarkeit ihrer Ergebnisse eingeschränkt ist, auch wenn die Prävalenz der Sepsis in Nordamerika und Deutschland ähnlich ist. Durch die Verfügbarkeit ärztlicher Expertise in der Präklinik in Deutschland könnte aber die Qualität der klinischen Diagnose einer Sepsis sogar besser ausfallen. Allerdings scheint die Dokumentationsqualität in den Rettungsdienstprotokollen insgesamt schlecht zu sein [1], da wahrscheinlich primär unspezifische Diagnosen wie „Unklarer Schock“ oder „unklare Infektion“ dokumentiert werden, obwohl vielleicht in der Übergabe der Begriff Sepsis in der Differentialdiagnose erwähnt wird.

Der Einsatz von Scoringsystemen scheint nach der vorliegenden Arbeit keinen relevanten Einfluss auf die Diagnosequalität zu haben und selbst der beste Score (der übrigens in Deutschland entwickelte PRESEP mit den Parametern Temperatur, Herzfrequenz, Systolischer Blutdruck, Atemfrequenz und Sauerstoffsättigung) schnitt nur geringfügig besser ab, als der „klinische Blick“.

Die Arbeit bestätigt damit die Tendenz vieler primär für die Klinik konzipierter Leitlinien zum Thema, die die alleinige Anwendung von Scores, insbesondere des Quick-SOFA-Scores zur Früherkennung der Sepsis nicht mehr propagieren [2].

Grundsätzlich sollten im Rettungsdienst bei klinischem Verdacht auf eine Infektion sämtliche Vitalparameter (Blutdruck, Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung, Atemfrequenz, Körpertemperatur und Vigilanz) vollständig erhoben werden.

Insbesondere eine akut aufgetretene Vigilanzminderung oder Verwirrtheit im Rahmen einer vermuteten Infektion ist ein häufiges und ernst zu nehmendes Warnsignal für eine Sepsis und dieser Verdacht bzw. die Differentialdiagnose sollte dann in der Übergabe auch ausgesprochen und idealerweise im Rettungsdienstprotokoll dokumentiert werden.

Angesichts der knappen Zeit in der präklinischen Phase erscheinen starre Scoringsysteme im Sinne eines Durchklickens im Computermenu, aber auch automatisierte Alarme eher kontraproduktiv, da sie zusätzlichen Aufwand bedeuten und den Blick vom Patienten abwenden. Dieser geschulte klinische Blick und das „Dran denken“ ist aber gerade in Notfallsituationen für die richtige Einschätzung der Patienten essenziell und sollte nicht an den Kollegen Computer delegiert werden.



Publication History

Article published online:
05 December 2025

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