Zusammenfassung
Bei einem Jungen, der an einer chronischen schleichenden Form einer essentiellen Thrombopenie
leidet, zeigt sich nach unbefriedigenden Behandlungsversuchen mit Clauden-Serum-Kalk
und etwas besseren Erfolgen mit Vigantol-Lebertran-Kalkbehandlung eine deutliche Besserung
des Allgemeinbefindens mit gleichzeitigem sprunghaftem Hochschnellen der Thrombozytenzahlen
und schlagartigem Heruntergehen der verlängerten Blutungszeit auf normale Werte bei
Behandlung mit A. T. 10 (Holtz), das den Kalzinosefaktor der Bestrahlungsprodukte
des Ergosterins enthält. Während die günstige Beeinflussung von Thrombozytenzahl und
Blutungszeit kurz nach A. T. 10-Eingabe fast gleichzeitig auftritt, scheint zur Aufrechterhaltung
der Besserung nicht unbedingt ein derartig ausbalanciertes Verhältnis dieser beiden
Faktoren erforderlich zu sein. Bei späterhin günstiger Blutungszeit kann die Plättchenzahl
bereits wieder deutlich abgesunken sein, ohne daß im äußerlich wahrnehmbaren günstigen
Bilde eine Verschlechterung einzutreten braucht. Anderseits kann die Plättchenzahl
bei schlechterwerdender Blutungszeit annähernd normal sein. Eine Wirkung des A. T.
10 auf Blutungszeit und Plättchenzahl ist jedoch deutlich. Das Zusammenwirken dieser beiden Faktoren findet
vielleicht in der Vermutung ihre Erklärung, daß neben der Gefäßwandwirkung des A.
T. 10 nicht so sehr eine Beeinflussung der Thrombozytenzahlen als vielmehr der Plättchen funktion von Wichtigkeit sein kann. Der Bericht von Böger und Schröder (1) über Ascorbinsäurewirkung
bei hämorrhagischen Diathesen weist übrigens in ähnliche Richtung. Während in letzter
Zeit von Gissel (2) über 4 Fälle von erfolgversprechender A. T. 10-Behandlung bei
Hämophilie berichtet wurde, schließt sich meine kurze Veröffentlichung der Arbeit
Reichle (3) an, in der über einen Fall berichtet wird, der in fast allen Einzelheiten
des Verlaufes zunächst dem hier beschriebenen entspricht. Der Beweis, daß es sich
bei dem A. T. 10-Erfolge nicht um ein zufälliges Zusammentreffen von Arzneimittelwirkung
und Spontanremission handelt, ist meines Erachtens durch die erneute Provokation der
Besserung durch das Mittel bei wiedereingetretener Verschlechterung des Zustandes
erbracht.
Mit dem 22. V. 1935 begann eine neue Periode hämorrhagischer Attacken; sie kündigte
sich mit starken ziehenden Schmerzen im linken Unterschenkel an, an dem zunächst kein
Befund zu erheben war. Später stellten sich dann mehrere kleinhandtellergroße Unterhautblutungen
ein. Blutungen dieser Art waren bei dem Kranken in den letzten Jahren nicht beobachtet
worden. Sie sind wohl als Vorboten einer besonders rapiden Verschlechterung anzusehen.
Tatsächlich nahm der Zustand dann auch derartige Formen an, daß A. T. 10 trotz hoher
Dosierung und dauernder Gaben keinen Einfluß mehr hatte. Der Kranke kam am 3. V. 1935
ad exitum, nachdem eine Bluttransfusion von den Eltern abgelehnt worden war.
Nach der vorliegenden Krankengeschichte und auf Grund der Beobachtungen anderer Ärzte
ist anzunehmen, daß die leichten und mittelschweren Formen der Thrombopenie oft erstaunlich
gut auf hohe A. T. 10-Gaben reagieren, daß aber die schweren Formen des Morbus Werlhof
auch durch A. T. 10 nicht zu beeinflussen sind.
Es sei zum Schlusse darauf hingewiesen, daß A. T. 10 kein indifferentes Mittel ist,
da es bei Überdosierung infolge Hyperkalzämie Erscheinungen ähnlich den Symptomen
eines Epithelkörperchentumors (schwere Nieren- und Kreislaufschäden, metastatische
Verkalkungen) machen kann. Gaben bis zu 15 ccm A. T. 10 scheinen von jedem Kranken
vertragen zu werden; höhere Dosen dürfen nur mit großer Vorsicht bei gleichzeitiger
Serumkalkkontrolle gegeben werden.