Dtsch med Wochenschr 2009; 134(10): 445
DOI: 10.1055/s-0029-1208067
Editorial
Gastroenterologie, interventionelle Endoskopie
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Interventionelle Endoskopie: kurativ und kreativ

Interventional endoscopy: curative and creativeJ. F. Riemann1
  • 1ehem. Direktor der Medizinischen Klink C, Klinikum der Stadt Ludwigshafen gGmbH
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Publication Date:
25 February 2009 (online)

Wenn man Fortschritte in der Medizin auch visuell dargestellt sehen will, dann spiegelt dieses Schwerpunktheft ihn in ganz besonderer Weise wider. Wer hätte vor 10 Jahren noch gedacht, dass eine endoskopisch-kurative Tumortherapie im Verdauungstrakt nicht nur möglich, sondern auch international und vor allem interdisziplinär akzeptiert ist? Dabei ist es nicht nur der gewaltige technische Fortschritt, der vieles ermöglicht hat. Auch die kreative und konsequente Denk- und Handlungsweise der endoskopierenden Ärzte muss hier als vorbildlich angesprochen werden. Die kurative endoskopische Tumortherapie in dafür qualifizierten Zentren ist heute aus dem Spektrum des onkologischen Therapiearsenals nicht mehr wegzudenken. So stellt z. B. das Frühkarzinom der Barrett-Schleimhaut mittlerweile eine Domäne der endoskopischen Therapie dar. Dies konsequent, zeitweise gegen heftigen Widerstand etabliert zu haben, war auch ein Verdienst deutscher Gastroenterologen.

Frühe Tumorstadien werden auch bei der Screening-Koloskopie gefunden und müssen im gleichen Untersuchungsgang fachgerecht behandelt werden. Dass das in Deutschland auf sehr hohem Niveau geschieht, verdanken wir der Einführung eines Qualitätsnachweises für die in das Programm eingebundenen Untersucher, im Gegensatz z. B. zu anderen Ländern, wo das nicht vorgeschrieben ist. Wir können und sollten stolz darauf sein.

Die Endoskopie hat schon immer eine zentrale Rolle in der palliativen Behandlung maligner, vor allem stenosierender Tumoren gespielt. Was sich bewährt hat und was neu dazu gekommen ist, wird in diesem Heft am Beispiel des Bronchialkarzinoms exzellent und exemplarisch zusammengestellt. Mit solchen Techniken lässt sich bei vielen unheilbar kranken Patienten die Qualität der verbleibenden Lebenszeit entscheidend verbessern und trägt damit maßgeblich zu den Inhalten der Palliativmedizin bei.

Das Krankheitsbild der chronischen Pankreatitis und vor allem seine Therapie waren über Jahrzehnte ein schwieriger Diskussionsgegenstand zwischen Chirurgen und Gastroenterologen. Pathophysiologische Überlegungen, interdisziplinärer sachlicher Diskurs und neue Techniken haben auch neue Behandlungswege aufgezeigt, die inzwischen in das Behandlungskonzept eingeflossen sind. Der Stent im Pankreasgang kann so manchem schmerzgeplagten Patienten helfen, der operationsunwillig oder -unfähig ist. Hier hat auch die Versorgungsforschung eine hilfreiche Rolle gespielt. Es sind die Langzeitdaten, die manchmal die besseren Argumente für eine Therapieoption liefern.

Von besonderem Interesse ist das Update über transluminale Techniken. Hier wird eine neue Tür aufgestoßen, von der noch nicht abzusehen ist, wohin sie sich letztlich öffnet. Die bisherigen Ergebnisse der „narbenlosen Therapie”, nicht nur im Tierversuch, sondern auch schon im Rahmen klinischer Anwendung (z. B. transvaginale Cholezystektomie, transgastrale Appendektomie) sind faszinierend. Aber auch hier gilt der alte klinische und wissenschaftliche Leitsatz, dass nur eingeführt werden sollte, was besser ist als Etabliertes, und daher auf umfangreiche Studien nicht verzichtet werden darf. Dennoch: der wissenschaftliche und apparativ-technische Schub, den diese neuen Verfahren ausgelöst haben und noch auslösen werden, ist im Sinne des Fortschritts absolut zu begrüßen. So ist es für den Endoskopiker in Zukunft vielleicht möglich, Löcher (Perforationen), die er selbst verursacht hat, auch wieder zu verschließen, ohne den Chirurgen bemühen zu müssen. Ganz sicher wird dieser neue Weg die Interdisziplinarität auf dem Gebiet der Viszeralmedizin weiter befördern. Jedes Fach sollte sein „Know how” zum Wohle des Patienten einbringen, ohne Rivalitäten zu entwickeln, nach dem Motto „Wer darf was?”.

Die abschließende Kasuistik (S. 477) zeigt noch einmal eindrücklich, dass bei allem Fortschritt in der Bildgebung die Diagnose manchmal doch nicht eindeutig gestellt werden kann und klinische Erfahrung zwar unverzichtbar ist, der Wunsch und die Sicherheit des Patienten aber den Weg weisen.

Ich wünsche den Lesern eine genauso große Spannung, wie ich sie bei der Durchsicht der Manuskripte erfahren habe.

Prof. Dr. J. F. Riemann, Ludwigshafen

Prof. Dr. J. F. Riemann

ehem. Direktor der Medizinischen Klinik C am Klinikum der Stadt Ludwigshafen gGmbH

Parkstr. 49

67061 Ludwigshafen