Aktuelle Neurologie 2009; 36 - V287
DOI: 10.1055/s-0029-1238454

Prävalenz, Ausmaß und klinische Prädiktoren der Spastik nach einem zerebralen Infarkt

P Urban 1, T Wolf 1, M Uebele 1, T Bauermann 1, C Weibrich 1, G Vucorevic 1, P Stoeter 1, A Schneider 1, J Wissel 1, J Marx 1
  • 1Hamburg, Mainz, Beelitz-Heilstätten

Hintergrund: Ziel der prospektiven Longitudinalstudie war die Untersuchung von Prävalenz und Ausmaß der Spastik nach einem akuten zerebralen Infarkt sowie die Identifikation klinischer Prädiktoren in der Akutphase.

Methodik: Einschlusskriterien waren eine zentrale Parese mindestens einer Extremität aufgrund eines erstmaligen zerebralen Infarktes, der maximal 5 Tage zurückliegen durfte. Ausschlusskriterien waren andere Ursachen eines zerebralen Insults und eine transitorisch ischämische Attacke. Es wurden 1.484 konsekutive Patienten gescreent. Davon erfüllten 301 Patienten die Ein-und Ausschlusskriterien, von denen 211 Patienten nach 6 Monaten nachuntersucht werden konnten.

Ergebnisse: Von 211 Patienten mit einer initialen Extremitätenparese entwickelten nach 6 Monaten 42,6% (N=90) eine spastische Tonuserhöhung. Diese betraf die obere und untere Extremität bei 27,0% (N=57), nur die obere Extremität bei 8,5% (N=18), und nur die untere Extremität bei 7,1% (N=15) der Patienten. In der oberen und unteren Extremitäten war bei 74,6% bzw. 92,9% der Patienten die Spastik mit einem mittleren MAS Score ≤2 gering ausgeprägt. Das Vorliegen einer Spastik wurde nicht durch Geschlecht (p=0,098), Alter (p=0,785) oder die betroffene Hemisphäre (p=0,577) beeinflusst. Bei initial hochgradigen Paresen trat häufiger eine spastische Tonuserhöhung auf als bei niedriggradigen Paresen (p>0,001). Hochgradige Paresen vor allem in den proximalen Muskelgruppen der oberen Extremität (p=0,0; Exp (B)=0,210; 95%-Konfidenzintervall: 0,092–0,480) und tendenziell auch der unteren Extremität (p=0,0; Exp (B)=0,140; 95%-Konfidenzintervall: 0,053–0,371) erhöhen das Risiko spastischer Tonuserhöhungen gegenüber nicht bestehenden bzw. geringgradigen Paresen. Eine spastische Tonuserhöhung war signifikant (p=0,006)häufiger mit einer Hemihypästhesie assoziiert.

Diskussion: Unsere Studie liefert umfassende Daten zu Prävalenz und Ausmaß der spastischen Tonuserhöhung sechs Monate nach einem ischämischen Infarkt. Patienten mit einer initial hochgradigen Parese weisen ein höheres Risiko einer spastischen Tonuserhöhung auf als Patienten mit niedriggradigen Paresen. Patienten mit proximalen Paresen hatten ein höheres Risiko für eine spastische Tonuserhöhung als Patienten mit distalen Paresen. Dieser Beobachtung liegt pathophysiologisch möglicherweise eine bevorzugte Läsion nicht-pyramidaler Projektionen bei proximalen Paresen zugrunde.