ergoscience 2010; 5(4): 137-138
DOI: 10.1055/s-0029-1245759
Nachruf

© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Zum Tod von Gary Kielhofner

C. Mentrup, U. Marotzki
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Publication Date:
02 November 2010 (online)

Am 2. September verstarb Gary Kielhofner, DrPH, OTR, FAOTA, im Alter von 61 Jahren. Als herausragender Theoretiker, Forscher und Lehrer hat er die internationale Entwicklung der Ergotherapie geprägt. Mit seinen Publikationen, seinem engagierten Auftreten und in dem ihm eigenen offenen, persönlichen Kontakt hat er Denken, Handeln und Selbstverständnis von Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten weltweit über mehr als drei Dekaden mit beeinflusst.

1975 schloss Gary Kielhofner sein Master-Studium an der University of Southern California ab und promovierte 1980 in Public Health an der University of California, Los Angeles. Er lehrte an verschiedenen Universitäten, um 1986 an der University of Chicago (UIC), Illinois, Fuß zu fassen und für 20 Jahre die Leitung der Ergotherapieausbildung sowie die der klinischen Abteilung am Universitätshospital zu übernehmen. Neben einem PhD-Programm in Disability Studies entwickelte er den klinischen Doktor in Ergotherapie und gründete das Clearing House, das zur Drehscheibe des Austauschs über die Theorie- und Assessmententwicklung rund um das Model of Human Occupation (MOHO) wurde. Während seiner akademischen Laufbahn veröffentlichte Gary Kielhofner 19 Bücher, über 140 Artikel und 19 Assessments, häufig in Zusammenarbeit mit internationalen Autorenteams.

Gerade das internationale, kollegiale Wirken sowie das unermüdliche Hinterfragen, Überarbeiten und Aktualisieren waren Kennzeichen des wissenschaftlichen Arbeitsstils von Gary Kielhofner. Ständig war er unterwegs, hielt Vorträge und Workshops auf vier Kontinenten, arbeitete als Gastprofessor und lud Kolleginnen und Kollegen zum Mitdenken und Mitarbeiten ein. Es bildeten sich MOHO-Zentren und -Arbeitsgruppen weltweit, die auch an internationalen Validierungsstudien zu den MOHO-Assessments mitarbeiteten. Seine Hauptwerke, „Model of Human Occupation” und „Conceptual Foundation of Occupational Therapy”, erschienen bisher viermal in überarbeiteter Auflage. Die Assessments entstanden im steten Austausch mit der Praxis und wurden im Work-in-Progress-Verfahren entworfen, bereitgestellt, fortentwickelt und validiert.

Auch in den deutschsprachigen Ländern hat Gary Kielhofner die ergotherapeutische Praxis, Ausbildung und Forschung in den vergangenen 16 Jahren maßgeblich beeinflusst. Als im November 1994 in Belgien ein MOHO-Symposium stattfand, zählten auch einige deutschsprachige Ergotherapeutinnen zu den Teilnehmernnen; sie brachten begeistert die neuen amerikanischen Theorien in die Heimat zurück. Endlich schien es eine systematische theoretische Fundierung für den Beruf zu geben, die sowohl den Gegenstand der Betätigungals auch Betätigungsstörungen zum Thema machte und Befunderhebungsinstrumente anbot.

Bereits ein Jahr später folgte ein MOHO-Symposium in Osnabrück. Seitdem gehörte Deutschland zu Gary Kielhofners regelmäßigen Zielen. Das Model of Human Occupation wurde bei uns zu einem festen Begriff. Ab Mitte der 90er-Jahre besuchten deutschsprachige Kolleginnen seine Master-Kurse am Karolinska Institut in Stockholm zu den Themen „Conceptual Foundations” und „Model of Human Occupation”.

In Folge entstanden ab Ende der 90er-Jahre eine Reihe von Artikeln in maßgeblichen deutschsprachigen Journalen und Fachbüchern zu den Themen „Model of Human Occupation” und „Paradigmen der Ergotherapie”.

Diese Themen fanden Eingang in die Curricula des neu in die Ausbildungs- und Prüfungsverordnung aufgenommenen Fachs „Grundlagen der Ergotherapie”. Anfang des neuen Jahrtausends wurde das Modell in der Schweiz populär – konsequent umgesetzt zunächst in der Psychiatrischen Uni-Klinik in Zürich, später auch an anderen Institutionen. Sein letzter Auftritt im deutschsprachigen Raum fand im Herbst 2008 am Institut Ergotherapie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Winterthur statt. Hier stellten er und seine Frau Renee Taylor ihre Arbeiten zum Thema „Klientenzentriertheit” einem Publikum von mehr als 200 Kolleginnen und Studierenden vor.

Gary Kielhofner war stets bedingungslos bereit, seine Arbeiten international zur Verfügung zu stellen. Er begeisterte in seinen Vorträgen und Workshops, ermutigte deutsche Ergotherapeuten, an seinen Publikationen mitzuwirken, bot die MOHO-Assessments großzügig zu Übersetzungszwecken an und war vielen deutschsprachigen Kolleginnen und Kollegen freundschaftlich verbunden.

Auch privat folgte Gary Kielhofner der Überzeugung, dass man jeden Menschen in seiner Einmaligkeit wahrnehmen und fördern sollte. Zusammen mit seiner Frau lebte er auf einer Farm in Michigan. Wenn er gerade einmal nicht an der Uni in Chicago oder irgendwo in der Welt forschte oder lehrte, so bewirtschaftete er zusammen mit Renee die Pferdefarm, pflegte Hobbies wie Lesen, das Gitarrenspiel, Holzarbeiten und Radfahren.

Gary, Du hast unser heutiges Bild der Ergotherapie maßgeblich geprägt. Du wirst im ergotherapeutischen Diskurs als streitbarer Vertreter und wertgeschätzter Freund fehlen. Wir werden Dich vermissen.

Christiane Mentrup
Ulrike Marotzki

Gary Kielhofner