ergopraxis 2009; 02(6): 12
DOI: 10.1055/s-0030-1253340
wissenschaft

Motorisches Lernen – Auch in der Pädiatrie von Bedeutung

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Publication Date:
23 April 2010 (online)

 

Theorien zum motorischen Lernen haben eine lange Forschungsgeschichte und ein breites Spektrum an Anwendungsmöglichkeiten. In der pädiatrischen Ergotherapie finden sie allerdings wenig Beachtung. Zu diesem Ergebnis gelangten die Ergotherapeutin Jill G. Zwicker und die Physiotherapeutin Susan R. Harris von der University of British Columbia, Vancouver, Kanada.

Ihre Literaturrecherche ermöglicht einen Überblick über die Theorien zum motorischen Lernen und entsprechende Prinzipien, die für die pädiatrische Praxis von Bedeutung sind. Als die drei wichtigsten Theorien nennen sie Jack Adams Theorie des geschlossenen Regelkreises, Richard Schmidts Schematheorie und die Theorie dynamischer Systeme. Daraus leiten sie Prinzipien des motorischen Lernens ab, die folgende Aspekte berücksichtigen: drei unterschiedliche Stufen des motorischen Lernens (kognitiv, assoziativ, autonom), den Aufgabentypus, die Übungshäufigkeit und die Art des Feedbacks. In einem Fallbeispiel beschreiben die Forscher die ergotherapeutische Behandlung eines zehnjährigen Jungen mit Schädel-Hirn-Trauma. Er lernte trotz Beeinträchtigung der linken Körperseite Kegeln, indem die Therapeutin nach dem Drei-Stufen-Modell des motorischen Lernens sowie der Theorie dynamischer Systeme arbeitete, also der Interaktion zwischen Person, Aufgabe und Umfeld.

Zusammenfassend halten die Forscher die Konzepte zum motorischen Lernen für vielseitig anwendbar und für äußerst kompatibel mit den ergotherapeutischen Modellen.

Chpr

Kommentar

Jill Zwicker und Susan Harris leisten mit ihrer Literaturrecherche einen bedeutenden Beitrag zur Weiterentwicklung der Ergotherapie. Motorisches Lernen ist für die Pädiatrie ein wichtiges Thema und stellt eine ernsthafte Alternative zu den bisher bestehenden Theorien zur Behandlung von motorischen Entwicklungsstörungen oder auch physischen Behinderungen dar. Die Sichtweise, sich nicht ausschließlich auf neuromotorische Prozesse zu konzentrieren, ist außerordentlich wichtig – auch wenn dieser Gedanke in der Praxis noch selten umgesetzt wird. Gerade die Theorie dynamischer Systeme, welche Bewegung als Interaktion zwischen Person, Aufgabe und Umfeld sieht, vertritt die ergotherapeutischen Grundgedanken. Da die Theorie zum motorischen Lernen bisher noch wenig anwenderfreundlich ist, wäre eine Verarbeitung in anwendbare Konzepte wünschenswert. Ein erster Ansatz kann das CO-OP (Cognitive Orientation to daily Occupational Performance) nach Helen Polatajko sein. Studien bestätigen, dass es sich in der Praxis sehr bewährt.

Christine Priß, Ergotherapeutin BSc.

CJOT 2009; 76: 29–37