ZKH 2010; 54(4): 198-206
DOI: 10.1055/s-0030-1257569
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© Karl F. Haug Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG

Erfahrungen mit der homöopathischen Arznei Staphisagria1

Teil 4-2Christoph Thomas
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Publication Date:
28 December 2010 (online)

Summary

Further results of experience with the remedy Staphisagria are presented in this sequel. The author's practical procedure in elucidating the state of mind of Staphisagria is demonstrated. It is shown that in treatment with Staphisagria, certain peculiarities in evaluating the course of treatment have to be noted. Quoting a passage of Kent's Lectures on Materia Medica, the thesis is developed that already Kent faced the same difficulties in finding the remedy as occurred extremely often in the author's practice. To master these difficulties, the author suggests that the skill of the homoeopathic anamnesis is to be completed by the dimension of a professionally conditioned perception of the state of mind. Moreover, the state of manifest psychopathology of Staphisagria and externally perceptible signs in Staphisagria-patients are demonstrated.

Anmerkungen

12 Eine äußerlich sichtbare Wassereinlagerung an Gesicht, Händen oder Füßen, wie sie Kent an dieser Stelle beschreibt, habe ich dagegen bei Staphisagria bisher noch nicht erlebt.

13 Auch diese zitierte Passage würde sehr gut auf Staphisagria passen. Denn die Schwierigkeit gerade bei Staphisagria ist, das Anfangsstadium einer noch milden Psychopathologie zu erkennen und dies ist, solange man den diagnostischen Zugang über den Gemütszustand nicht kennt, nahezu unmöglich.

14 Um Kents Arzneimittellehre zu verstehen, muss man wissen, dass es sich um seine Vorlesungen über die homöopathische Materia medica handelt, welche aus 2 sehr unterschiedlichen Bestandteilen bestehen: Zum einen aus seinem Referat anhand der Arzneimittellehre „The Guiding Symptoms of Our Materia medica” von Constantin Hering und seinen Mitautoren Knerr, Mohr und Raue, zum anderen aus Kents eigenen klinischen Erfahrungen, die er immer wieder eingestreut hat. Aus Herings Arzneimittellehre hat Kent bei seinen Vorlesungen bekanntlich mündlich vorgetragen und auszugsweise referiert. Beide sehr heterogenen Bestandteile sind in diesem Werk aufs Engste miteinander verwoben. Kent geht bei seinen Vorlesungen von der – wie ich meine irrigen – Annahme aus, dass die klinischen Verifikationen in Herings Werk zuverlässig sind und auch für den Gebrauch von Hochpotenzen gelten.

15 Einen sicheren Nachweis einer Simillimum-Wirkung sehe ich dann als gegeben an, wenn sämtliche folgenden 4 Bedingungen erfüllt sind:

  • Die betreffende Arznei wird als einzige oder fast als einzige chronische Arznei verabreicht.

  • Die Behandlung erfolgt mit Hochpotenzen entsprechend der Kent'schen Reihe, möglichst einschließlich regelmäßiger Verabreichung der Potenzstufe CM – also: 200, 200, M, M, XM, XM, CM, CM, 200, 200 etc. – siehe die Kommentare von Dr. Pierre Schmidt in [27: 182 f. bzw. 27: 394 f.].

  • Es handelt sich um eine kontinuierliche chronische Behandlung mit mehreren Arzneigaben pro Jahr.

  • Die Behandlung verläuft unter der betreffenden Arznei für eine Dauer von 10–20 Jahren erfolgreich.

16 Was meine eigenen Fälle mit Staphisagria anbelangt, werden die ersten von ihnen Ende 2010 die zweite Dekade erreicht haben. Zudem laufen so viele meiner Fälle seit 5–10 Jahren erfolgreich unter dieser Arznei, dass es kaum denkbar erscheint, dass nicht eine größere Anzahl von ihnen die 10–20-jährige Laufzeit erreichen sollte. Hinzu kommt, dass in vielen Familien mindestens ein Elternteil und ein oder mehrere Kinder gemeinsam Staphisagria als chronisches Heilmittel benötigen. Auch die offenbar ererbte Sensitivität auf Staphisagria lässt es kaum vorstellbar erscheinen, dass die Heilkraft dieser Arznei plötzlich zu Ende sein sollte [20: 23].

17 Dass mich auch Dr. Künzli in weit über einhundert persönlichen Gesprächen immer wieder darauf hingewiesen hat, wie viele Therapieversager im Rahmen einer homöopathischen Behandlung auftreten, hatte ich bereits berichtet [20: 23].

18 Meines Wissens ist Dr. Künzli der erste und bis heute vielleicht sogar der einzige Arzt in der Geschichte der Homöopathie, der sich dieser Aufgabe bewusst gestellt hat. Sein fachliches Lebenswerk sehe ich gerade darin, dass er entscheidende Beiträge geleistet hat, dieses Defizit zu beseitigen – vor allem mit der Herausarbeitung von Lycopodium, Natrium muriaticum, Phosphorus und Sepia als besonders häufig indizierte chronische Arzneien und Sulfur als etwas weniger häufig indizierte chronische Arznei sowie mit der Erforschung vieler wahlanzeigender Zeichen und Symptome, anhand deren diese 5 Heilmittel diagnostiziert werden können.

19 Mit dieser Auflistung komme ich einem Wunsch nach, welcher nach Veröffentlichung des dritten Teiles meines Erfahrungsberichtes über Staphisagria [20] von mehreren Kollegen in Leserbriefen [ZKH 2008; 52: 101] geäußert wurde.

20 Der qualitative Unterschied zwischen Künzlis und meinen Angaben ist folgender: Während Künzli seine Angaben erst nach langjähriger Prüfung öffentlich gemacht hatte, weshalb sie als weitgehend gesichert gelten können, sind meine Angaben zunächst einmal bloße Arbeitshypothesen. Der Grund für mein abweichendes Vorgehen ist folgender: Meine Angaben haben sich in ihrer Gesamtheit bereits hervorragend bewährt und sind für mich eine wichtige Hilfe bei der Diagnostik dieser Arznei. Inwieweit dagegen jede einzelne dieser Angaben zuverlässig und stichhaltig ist, bedarf der weiteren Prüfung und Bestätigung.

21 Um Missverständnissen vorzubeugen: Mit dieser Angabe behaupte ich nicht, dass bei den genannten Personen die Arznei Staphisagria indiziert gewesen wäre. Die Nennung dieser Namen dient ausschließlich zur Illustration des betreffenden körperlichen Zeichens.

22 Diese Rubrik enthält, hat Dr. Künzli gelehrt, keineswegs nur die Akne, sondern stellt eine Sammelrubrik für die verschiedensten Hautausschläge im Gesicht dar.

Zum Eigenstudium speziell empfehlenswerte Literatur

  • 01 Bailey P M. Psychologische Homöopathie. München: Droemer Knaur; 2000: 425-444
  • 02 Barbancy J N. Staphysagria in Psychiatry. Proceedings. Arlington/Virginia, USA; 42nd Congress of the International Homoeopathic Medical League; 1987. 128-132 Dt. Übersetzung in: Documenta Homoeopathica, Band 8. Heidelberg; Haug; 1987. 193-197
  • 03 Barthel H. Charakteristika homöopathischer Arzneimittel. 2. Aufl. Berg am Starnberger See: Barthel & Barthel; 1993: 518-523
  • 04 Böttger H E. Staphisagria – ein Arzneimittel für den aktiven Menschen. Proceedings. Brighton/England: XXXV. Congress. Liga Medicorum Homoeopathica Internationalis; 1982: 139-147
  • 05 Coulter C R. Portraits homöopathischer Arzneimittel. Zur Psychosomatik ausgewählter Konstitutionstypen. Band II. Heidelberg: Haug; 1991: 262-292 (Den Abschnitt mit differenzialdiagnostischen Überlegungen halte ich für wenig überzeugend – d. Verf.)
  • 06 Eisenberg W. Delphinium Staphisagria. Nach einem Vortrag, gehalten am 13.12.1936.  Deutsche Zeitschrift für Homöopathie. 1937;  16 33-42
  • 07 Gallavardin J P. Psyche und Homöopathie. Übersetzt und bearbeitet von Horst Barthel. Wilhelmsfeld: Eigenverlag; 1986: 205-208
  • 08 von Goethe J W. Torquato Tasso. Ein Trauerspiel. 
  • 09 Hadulla M M, Richter O. Staphysagria zwischen Er-dulden und Empörung/Entrüstung. In. Die homöopathischen Arzneien. Bd. II. Uelzen: ML-Verlag; 2002: 165-194
  • 10 Keller Gv. Staphisagria. Symptomensammlungen homöopathischer Arzneimittel. Heft 7 Heidelberg: Haug; 1987
  • 11 Kent J T. Homöopathische Arzneimittelbilder. Band 3. Übersetzt von Rainer Wilbrand. Heidelberg: Haug; 2001: 552-559
  • 12 Kishore J. Comparison of Staphysagria and Colocynthis with special reference to Psychosomatic Conditions. Proceedings. Arlington/Virginia, USA: 42nd Congress of the International Homoeopathic Medical League; 1987: 112-127
  • 13 Mezger J. Gesichtete homöopathische Arzneimittellehre. 9. Aufl. Band 2. Heidelberg: Haug; 1991: 1348-1354
  • 14 Morrison R. Handbuch der homöopathischen Leitsymptome und Bestätigungssymptome. Groß-Wittensee: Kröger; 1997: 631-636
  • 15 Retzek H O. The Complete Materia Medica Mind. Based on Roger van Zandvoort's The Complete Repertory. Leidschendam; 1995: 1626-1639
  • 16 Sankaran R. Staphysagria. In. Die Seele der Heilmittel. Deutsche Ausgabe. Mumbai/India: Homoeopathic Medical Publishers; 2000: 200-205
  • 17 Thomas C. Erfahrungen mit der homöopathischen Arznei Staphisagria.  ZKH. 2005;  49 125-137
  • 18 Thomas C. Erfahrungen mit der homöopathischen Arznei Staphisagria – Teil 2.  ZKH. 2006;  50 28-39
  • 19 Thomas C. Ein Junge mit Adenoiden, rezidivierender Otitis media und Mukotympanon – Staphisagria.  ZKH. 2006;  50 156-170
  • 20 Thomas C. Erfahrungen mit der homöopathischen Arznei Staphisagria – Teil 3.  ZKH. 2008;  52 14-25
  • 21 Voisin H. Materia Medica des homöopathischen Praktikers. Übersetzung von Heinrich Gerd-Witte. 3. Aufl. Heidelberg: Haug; 1991: 1123-1127
  • 22 Vonarburg B. Homöotanik, Band 4. Heidelberg: Haug; 2001: 220-227
  • 23 Barthel H, Klunker W. Synthetisches Repertorium, Vol. I–III. 2. Aufl. Heidelberg: Haug; 1981 bzw. 1982
  • 24 Boger C M. A Synoptic Key of the Materia Medica. 4th edition. Nachdruck. New Dehli/Indien: B. Jain; 1985: 308-309
  • 25 Hahnemann S. Organon der Heilkunst. Textkritische Ausgabe der 6. Auflage. Bearbeitet v. Josef M. Schmidt. Heidelberg: Haug; 1992
  • 26 Kent J T. Kalium carbonicum. In. Homöopathische Arzneimittelbilder, Band 2. Übersetzt von Rainer Wilbrand. Heidelberg: Haug; 1999: 518-540
  • 27 Kent J T. Zur Theorie der Homöopathie. Vorlesungen über Hahnemanns Organon. Übersetzt von J. Künzli von Fimmmelsberg. 4. Aufl. Heidelberg: Haug; 1996
  • 28 Künzli von Fimmelsberg J. Kent's Repertorium Generale. English Edition. Berg am Starnberger See: Barthel & Barthel; 1987
  • 29 Rehman A. Encyclopedia of Remedy Relationships in Homoeopathy. Heidelberg: Haug; 1997
  • 30 Sankaran P. The Clinical Relationships of Homoeopathic Remedies. Bombay/Indien: The Homoeopathic Medical Publishers; 1984
  • 31 Sankaran R. Das geistige Prinzip der Homöopathie. Bombay/Indien; Homoepathic Medical Publishers; 1995. Übersetzung von. The Spirit of Homoeopathy. Bombay/Indien; Homoepathic Medical Publishers; 1991
  • 32 Spinedi D. Der Gemütszustand als Hilfe bei der Arzneimittelfindung nach Paragraph 211 und 212 des „Organon”.  ZKH. 2001;  45 3-25
  • 33 Zandvoort Rv. The Complete Repertory. Leidschendam. 1994–1996

Dr. med. Christoph Thomas

Raiffeisenstr. 1

78465 Konstanz