ZKH 2011; 55(4): 201-203
DOI: 10.1055/s-0030-1257691
Praxis
© Karl F. Haug Verlag MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG

Verifikationen, Falsifikationen, klinische Symptome

Christian Lucae
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Publication Date:
16 December 2011 (online)

Fieberkrämpfe – Cicuta virosa

Akutanamnese

Ein 1 Jahr und 7 Monate alter Junge wird in der Praxis vorgestellt: Er erlitt einen ersten Fieberkrampf 4 Wochen zuvor, einen zweiten vor wenigen Tagen. Jedes Mal wurde er vom Notarzt in die Klinik gebracht, zuletzt sogar per Hubschrauber. In der Klinik wurden außer Fieber keine weiteren Symptome festgestellt, eine Meningitis konnte jeweils ausgeschlossen werden.

Mehrere Stunden vor dem jeweiligen Krampfereignis war der kleine Patient sehr zornig, schrie schrill und warf sich ständig auf den Boden. Unmittelbar nach dem ersten Fieberkrampf setzte sich das schrille Schreien für eine Stunde unaufhörlich fort, bis er sich schließlich völlig erschöpft hatte. Beim Anfall erfolgte der Fieberanstieg allmählich, der Kopf war heiß, die Füße kalt, dann angewinkelte Arme und Ballen der Fäuste, Schaum vor dem Mund. Beim zweiten Anfall fiel er plötzlich nach hinten um, der Muskeltonus war erhöht, die Augen nach links oben verdreht. Die Körpertemperatur betrug 38,3 °C (rektal), der Anfall dauerte etwa 5 bis 6 Minuten und sistierte nach der Verabreichung von Diazepam.


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Weitere Anamnese

Bereits in der Zeit nach dem ersten Fieberkrampf fiel auf, das er anfing, sehr stark zu beißen. Seine Schwester trug zahlreiche Bisswunden (!) davon. Bereits Wochen vorher schlief er schlecht, war stets unruhig und nahm eine deutliche Opisthotonus-Haltung ein. Ansonsten wird er als ziemlich umtriebig und wild beschrieben, im Gegensatz zu seinen Geschwistern sei er stets sehr geschäftig. Er fängt regelmäßig an zu tanzen und dreht sich dabei ständig im Kreis (diese Verhaltensweisen waren auch in der Praxis zu beobachten und gingen weit über ein normales, altersentsprechendes „Frech- oder Ungezogensein“ hinaus). Er ist überhaupt nicht ängstlich und entfernt sich beim Spazierengehen weit von der Mutter. Er hat eine auffallende Vorliebe für Eier, außerdem verspeist er ganze Kreideriegel am Stück. Dabei handelt es sich um herkömmliche Straßenkreide (Schreibkreide), mit welcher der Asphalt in verschiedenen Farben bemalt werden kann.


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Repertorisation

Bei der Repertorisation mit RADAR wurde die Einstellung „Komplettes Synthesis“ verwendet [8]; [Abb. 1]. Die ursprünglichen Kent-Rubriken sind wesentlich kleiner (z. B. „Convulsions, heat, during the: cic., cina, cur., hyos., Nux-v., op., Stram.“). Die entsprechende Rubrik zu „Kalk, Bleistifte, Erde, Kreide, Lehm − Verlangen“ lautet im Kent'schen Repertorium: „Desires lime, slate pencils, earth, chalk, clay, etc.“ und enthält 7 Arzneien (Alum., Calc., cic., ferr., nat-m., Nit-ac., nux-v.), darunter auch Cicuta virosa.

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Abb. 1: Repertorisation mit RADAR.

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Materia-medica-Vergleich

In der Reinen Arzneimittellehre kommen folgende Symptome dem geschilderten Zustand am nächsten (zitiert nach [5]):

  • „Wimmern, Winseln und Heulen (Wepfer und Allen, a. a. O.)“ [RAL (199)] – vollständiges Originalzitat Hahnemanns: „Wepfer, de cicuta aquat. und Allen, Synopsis“

  • „Wahnsinn: nach ungewöhnlichem Schlafe, Hitze des Körpers; sie sprang aus dem Bette, tanzte, lachte und trieb allerlei Narrheiten, trank viel Wein, hüpfte immer umher, klatschte in die Hände und sah dabei sehr roth im Gesichte aus – die ganze Nacht hindurch (Bresl. Samml. 1727. S. 58.)“ [RAL (202)]

  • „Er hatte großes Verlangen auf Kohlen und verschlang sie“ [RAL (78)] – vollständiges Originalzitat Hahnemanns: „Wepfer, de cicuta aquat. und Allen, Synopsis“

  • „Zurück-Beugung des Kopfs (eine Art Opisthotonus)“ [RAL (62)] – vollständiges Originalzitat Hahnemanns auch hier: „Wepfer, de cicuta aquat. und Allen, Synopsis“

  • „Epileptische Zuckungen bei drei Kindern – wovon eins wieder genas (Breslauer Samml. a. a. O. S. 313.)“ [RAL (176)]

Darüber hinaus finden sich in der Reinen Arzneimittellehre viele weitere Symptome, die zum klinischen Erscheinungsbild eines Fieberkrampfs passen (Auswahl):

  • „Stierer Blick“ [RAL (35)]

  • „Schaum vor dem Munde“ [RAL (69)]

  • „Kinnbacken-Zwang“ [RAL (64)]

  • „Oefteres, unwillkürliches Zucken und Rucken in den Armen und Fingern (den Untergliedmaßen und dem Kopfe)“ [RAL (146)]

  • „Die heftigsten (tonischen) Krämpfe, so daß weder die gekrümmten Finger aufgebogen, noch die Gliedmaßen weder gebogen, noch ausgedehnt werden konnten“ [RAL (173)]

  • „Ungeheure Convulsionen“ [RAL (179)]

Weitere Vergleiche mit den Arzneimittellehren von Constantin Hering [6] oder S. R. Phatak [7] ergeben ein ähnliches, passendes Bild.


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Verordnung und weiterer Verlauf

Cicuta virosa C 200, 3 Globuli (Remedia).

Rückmeldung nach 3 Wochen: Unmittelbar nach der Mittelgabe hat er aufgehört, Kreide zu essen. Die ersten beiden Nächte schlief er schlecht, dann wurden alle Symptome deutlich besser, die Verhaltensauffälligkeiten wie Beißen, schrilles Schreien usw. traten die folgenden 3 Wochen nicht mehr auf. Vor 3 Tagen hat er einen Schnupfen bekommen, seitdem ist er sehr schnell wütend, beißt wieder viel, schmeißt sich auf den Boden, isst Kreide. Es besteht die Sorge wegen eines drohenden Fieberkrampfs, Körpertemperatur immerhin 37,4 °C (rektal).


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2. Verordnung und weiterer Verlauf

Cicuta virosa C 200, 3 Globuli (Remedia).

Rückmeldung nach weiteren 4 Wochen: Erneute, rasche Besserung aller Symptome, keine weiteren Anfälle. Aktuell ist er seit ein paar Tagen wieder auffallend schrill, seit 2 Tagen isst er Kreide. Das Beißen ist nicht mehr so ausgeprägt wie anfangs.


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3. Verordnung und weiterer Verlauf

Cicuta virosa C 200, 3 Globuli (Remedia).

Nächste Konsultation erst 9 Monate später wegen einer akuten, fieberhaften Virusinfektion: Etwa 4 Monate nach der letzten Cicuta-Gabe sei ein 3. Fieberkrampf aufgetreten, der aber nicht mehr zu einer Krankenhauseinweisung geführt hatte. Die intensiven Zustände wie schrilles Schreien und Kreideessen bestünden schon lange nicht mehr. Aktuell besteht zwar seit 3 Tagen Fieber, allerdings handelt es sich nun um einen „normalen“ Infekt ohne jegliche Sorge um weitere Fieberkrämpfe.

Nachbeobachtungszeit seit erster Konsultation: 2 Jahre.

Im Rückblick bemerkenswert bei dieser Behandlung ist die Tatsache, dass vor allem die Symptome „Beißen“, „schrilles Schreien“ und „Verlangen nach Kreide“ als wichtige Verlaufsparameter bzw. gleichsam als Alarmsymptome für eine erneute Krampfbereitschaft dienten. Insbesondere das „Verlangen nach Kreide“ konnte hier erstmals verifiziert werden.


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Verifizierte Symptome

  • Fieberkrampf (Rubrik: „Allgemeines − Konvulsionen − Hitze; während“)

  • Schrilles Schreien (Rubrik: „Gemüt − Schreien − Cri encéphalique“)

  • Beißen (Rubrik: „Gemüt – Beißen“)

  • Tanzen (Rubrik: „Gemüt – Tanzen“)

  • Opisthotone Haltung (Rubrik: „Kopf − Gezogen; der Kopf wird − hinten, nach“)

  • Verlangen nach Kreide (Rubrik: „Allgemeines − Speisen und Getränke − Kalk, Bleistifte, Erde, Kreide, Lehm – Verlangen“)

Bei den ursprünglichen Symptomen in der Reinen Arzneimittellehre dürfte es sich durchwegs um toxikologische Symptome handeln, wie Hahnemanns Literaturangaben zu entnehmen ist [vgl. 9].


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Kreide oder Kohle?

Eine besondere Diskussion verdient das letztgenannte Symptom „Verlangen nach Kreide“. Zum Originalsymptom „Verlangen auf Kohlen“ in der Reinen Arzneimittellehre gesellt sich nämlich erst später die „Kreide“. In englischsprachigen Arzneimittellehren stößt man auf die Begriffe „coal“ (Kohle), „charcoal“ (Kohle, Holzkohle, Zeichenkohle) und „chalk“ (Kreide). Zwar handelt es sich chemisch um verschiedene Substanzen (Schreibkreide besteht aus Calcium-, Kohle aus Kohlenstoffverbindungen), offenbar war für zahlreiche Autoren von Arzneimittellehren aber die Konsistenz bzw. der Oberbegriff „Unverdauliches“ ausschlaggebend, mehrere Begriffe zusammenzufassen (Kalk, Bleistifte, Erde, Kreide, Lehm etc.). Außerdem wurde sowohl Zeichenkohle als auch Schreibkreide zum Schreiben auf Tafeln verwendet.

Die vermutlich früheste Fundstelle des Begriffs „Kreide“ in der Materia medica in Zusammenhang mit Cicuta virosa findet sich bei H. C. Allen 1898:

  • „Abnormal appetite for chalk and indigestible things; for coal or charcoal; child eats them with apparent relish“ [1: 58]

In Herings Guiding Symptoms findet sich 14 Jahre zuvor noch die Kohle allein (dieses Symptom passt allerdings im Wortlaut am schönsten zur oben dargestellten Kasuistik):

  • „Great longing for charcoal; child puts coals into mouth, crunching and swallowing them with apparent relish“ [6: 131]

Somit muss irgendwo dazwischen die Kreide in die Materia medica hineingekommen sein, vielleicht über eine einzelne Kasuistik aus der weit verstreuten, amerikanischen Zeitschriftenliteratur, oder aber direkt bei der Übernahme des Symptoms durch Allen in seine Leitsymptome. In den meisten modernen Arzneimittellehren wurde dann die Kreide neben der Kohle übernommen, z. B. auch bei Phatak [7: 183].

Ein weiteres Kuriosum zum „Verlangen nach Kohle“ ist erwähnenswert. In der ersten Ausgabe des Therapeutischen Taschenbuchs von Bönninghausen 1846 hatte sich nämlich ein Fehler eingeschlichen: Die Rubrik lautete „Kohl: Cic.“ [3: 52]. Hier war dem Setzer offenbar ein „e“ heruntergefallen. Mit der revidierten Ausgabe des Taschenbuchs (2000) ist dies zwar längst korrigiert worden – hier steht „Kohlen“ [4: 65] –, aber der Fehler zieht sich bis heute durch die aktuellen Auflagen verschiedener Repertorien. Durch die Übersetzung in „cabbage“ war der Lapsus wohl jahrzehntelang nicht aufgefallen, und so findet sich nicht nur im englischen Original des Boger-Boenninghausen, sondern auch in der aktuellen deutschen Ausgabe die Rubrik: „Kohl: CIC., con.“ [2: 369]. Im Synthesis [8] lautet die Rubrik: „Allgemeines − Speisen und Getränke − Kohl – Verlangen: acon., Acon-l., alum., CIC., con., ruta, tritic-vg.“. Hier ist Cicuta sogar dreiwertig (!) vertreten. Diese Fehler sollten korrigiert werden.


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