Inf Orthod Kieferorthop 2010; 42(3): 211
DOI: 10.1055/s-0030-1262606
Leserbrief

© Georg Thieme Verlag Stuttgart ˙ New York

Leserbrief: Göllner P. Minischrauben oder Gaumenimplantat. Inf Orthod Kieferorthop 2010; 42: 131–137

H. Winsauer , J. Vlachojannis
  • 1Bregenz, Österreich
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Publication Date:
19 October 2010 (online)

Mit großem Interesse haben wir den Beitrag von P. Göllner „Minischrauben oder Gaumenimplantat” (2010; 42: 131–137) gelesen. Allerdings waren wir erstaunt, dass Göllner bei der Erfolgsrate der Minischrauben nicht zwischen deren Größen und Durchmessern differenziert hat. Denn Schraube ist nicht gleich Schraube! In dem zitierten Review von Crismani und Mitarbeitern [1] wurden 14 Studien zusammengefasst, bei denen Minischrauben verschiedener Länge und Durchmesser mandibulär und maxillär eingesetzt wurden. Global analysiert, betrug die Verlustrate 16,2 %, wie Göllner auch schreibt. Aber der Verlust war bei kürzeren Schrauben höher als bei längeren Schrauben, weshalb Crismani zu dem Schluss kam, dass Schrauben unter einer Länge von 8 mm und einem Durchmesser von 1,2 mm oder kleiner nicht bei orthodontischen Behandlungen eingesetzt werden sollten. Diese Schlussfolgerung hat Göllner vorenthalten.

Auch wundert es, dass Göllner der Lokalisation der Minischrauben keine Beachtung schenkt, wenn er sie mit dem palatinal gesetzten Gaumenimplantat (Orthosystem) vergleicht. Denn die Verlustrate der Minischrauben war nach Crismani mandibulär höher (80,4 %) als maxillär (87,9 %) [1] und nach Weiland und eigenen Erfahrungen palatinal geringer als bukkal [2]. Das Ergebnis einer retrospektiven Analyse bei 130 Patienten, bei denen 350 selbstbohrende und selbstschneidende Schrauben zweier Firmen (187 Abso Anchor, Dentos, Daegu, Südkorea und 163 Ortho Easy Pin, Forestadent, Pforzheim, Deutschland) in den Längen 6 und 8 mm zur stationären Verankerung über einen Zeitraum von im Mittel 19 Monaten eingesetzt wurden, zeigte eine mittlere Erfolgsrate von 93,4 %. Bei Platzierung im Bereich der Gingiva propria des Oberkiefers fand sich sogar eine Erfolgsrate von 98 % [3], was sich mit unseren Erfahrungen deckt. Für das palatinal verankerte Orthosystem wurden Verlustraten von 8 bzw. 9 % beobachtet [4] [5] . Hinzu kommt allerdings noch die Komplikationsrate bei der Explantation des Gaumenimplantats, wie Verletzung benachbarter Zahnwurzeln bis hin zur Perforation in die Nasenhöhle [6]. Solche Komplikationen sind bei der Explantation von Minischrauben nicht zu befürchten.

Auch hat Göllner nicht erwähnt, welche Schraubenlänge und welcher Schraubendurchmesser zur Verankerung der Zähne genutzt wurde. In unserer kieferorthopädischen Praxis verwenden wir palatinal (paramedian) die 10 bzw. 12 mm lange Dual Top-Jetschraube (Durchmesser 2 mm, Jeil Medical, South Korea) zur direkten Verankerung des TopJet-Distalizers. Bei der Jet-Schraube laufen die dem Schaft aufgesetzten Gewindegänge nach 7 mm aus, wodurch einer Mukosairritation vorgebeugt wird, was zur Stabilität der Minischraube beiträgt. Einem Schraubenverlust aufgrund von Infektionen im Insertionsgebiet kann durch präventive Maßnahmen (Mundspülungen oder Gelapplikation mit 0,2 % Chlorhexidin) vorgebeugt werden [7]. Eine sichtbare Verwanderung der Schrauben haben wir nicht beobachtet.

Der große Vorteil der Minischrauben-Verankerung liegt darin, die zweimalige chirurgische Intervention zu umgehen. Die Im- und Explantation des Gaumenimplantats sind mit nicht zu vernachlässigendem Aufwand und Kosten verbunden. Im Gegensatz dazu können Minischrauben vom Kieferorthopäden selbst gesetzt und entnommen werden.

Göllner nutzt das Orthosystem lediglich zur Verankerung von Zähnen, um dann mit Druckfedern in Kronenhöhe die Zähne zu bewegen. Durch diese Verankerung werden erwünschte Spontanbewegungen anderer Zähne im Verlauf der Behandlung behindert. Andere Autoren [8] [9] haben am Orthosystem moderne Apparaturen, z. B. den Distal-Jet, oder den Keles-Slider direkt befestigt, wodurch oft über weite Strecken Zähne passiv mitwandern können. Heute werden Apparaturen zur Distalisation oder Mesialisation von Seitenzähnen zunehmend an palatinalen Minischrauben verankert, wie zum Beispiel der Beneslider [10], das MISDS [11] oder der TopJet [12]. Da die Kraftapplikation in der Ebene des Widerstands erfolgt, ist dadurch das Auftreten unerwünschter Effekte minimiert. Die von Göllner beschriebenen unerwünschten Effekte durch Minischrauben (Posteriorrotation der Mandibula oder seitlich offener Biss) wurden weder von Wilmes, Papadopoulos noch Winsauer beobachtet oder beschrieben. Das bessere Kosten-Nutzenverhältnis, das einfachere Handling und die schnellere Verfügbarkeit bei sicher nicht höherer Verlustrate sind überzeugende Gründe, Minischrauben in der heutigen Zeit einem Gaumenimplantat vorzuziehen.