Z Sex Forsch 2010; 23(4): 377-380
DOI: 10.1055/s-0030-1262707
BERICHT

© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart ˙ New York

Prag transnational

Bericht von der 36. Jahrestagung der IASRUrszula Martyniuk
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Publication Date:
23 December 2010 (online)

International (von lat. inter, zwischen und natio, Volk oder Volksstamm) bedeutet „zwischen den Nationen“, „zwischenstaatlich“. In diesem Sinne beschreibt der Begriff den Charakter der International Academy of Sex Research (IASR) nicht hinreichend, da sie nicht das Handeln der Staaten, sondern nichtstaatlicher Akteure organisiert. Zutreffender wäre der Begriff transnational, den Ludger Pries (2002) so erklärt: „In einem sehr weit gefassten Begriffsverständnis bezieht sich transnationalism auf Zugehörigkeitsgefühle, kulturelle Gemeinsamkeiten, Kommunikationsverflechtungen, Arbeitszusammenhänge und alltägliche Lebenspraxis sowie die hierauf bezogenen gesellschaftlichen Ordnungen und Regulierungen, die die Grenzen von Nationalstaaten überschreiten. In einer eher engen Fassung des transnationalism-Begriffs werden damit nur sehr dauerhafte, massive und strukturierte bzw. institutionalisierte Beziehungen bezeichnet, die pluri-lokal über nationalgesellschaftliche Grenzen hinweg existieren.“ Die Transnationalisierung beschreibt eine Bewegung „von unten“, was zu Geschichte und Geist der Academy zu passen scheint. 

Die Gründung der IASR war eine Antwort auf die gesellschaftliche Situation nach der „Sexuellen Revolution“ in vielen westlichen Industrienationen, mit allen ihren Besonderheiten von Kontrazeption über Schwulenbewegung bis zu Deep Throat. Und sie war eine Antwort auf die Anfänge der Sexualforschung und -therapie mit dem „hands on“-Prinzip nach Masters und Johnson, auf die Zerstreuung der Sexualwissenschaft in viele Disziplinen und die Sehnsucht nach einem Rahmen, in dem sich alle ihre VertreterInnen persönlich und schriftlich austauschen können (Green 1985). Im Jahr 1973 haben sich 53 Personen aus unterschiedlichen Ländern zusammengefunden, die diese Sehnsucht nach Kooperation teilten und der Meinung waren, dass „the Academy needed to be international in more than name“ (ebd.: 301). Um zu garantieren, dass die Academy keine rein US-amerikanische Organisation wird, wurde beschlossen, die Annual Meetings grundsätzlich nicht zweimal hintereinander in den USA stattfinden zu lassen. 

In diesem Jahr war zum dritten Mal[1] Prag der Ort des Austauschs für SexualforscherInnen aus aller Welt, wo die 36. Tagung der IASR vom 25. bis 28. Juli 2010 stattfand. Die Teilnehmergruppe war heterogen, erschienen sind VertreterInnen verschiedener Disziplinen und unterschiedlichen Alters, WissenschaftlerInnen wie TherapeutenInnen. So verschieden wie die Gäste waren, waren vermutlich auch die Erwartungen an die Veranstaltung. Wie transnational war Prag also wirklich? 

Die Tagung wurde von den Gastgebern mit einer Vortragsreihe zur tschechischen Sexualforschung und ihrer Geschichte eröffnet. Petr Weiss gewährte einen Einblick in das Sexualverhalten seiner Landsleute und sorgte damit gleich für rege Diskussionen im Publikum. Interessant war u. a., wie sich die Sexualdelinquenz (hier vor allem Vergewaltigung und sexueller Missbrauch) im Anschluss an die politischen Veränderungen nach dem Jahr 1989 entwickelte. Dass allgemeine gesellschaftliche Situation und politische Entscheidungen einen erheblichen Einfluss auf die Sexualität haben, lässt sich insbesondere an gesellschaftlichen Wendepunkten beobachten, was dem Redner gut gelungen ist. 

Nach der interessanten Einführung folgten drei intensive Tage voller Vorträge, Diskussionen und Smalltalks in den Kaffeepausen. Ziemlich stark, nämlich in zwei von sieben Vortragsreihen, waren Natur- und Kognitionswissenschaft vertreten. Präsentiert wurden u. a. spannende Ergebnisse aus Studien zur sexuellen Erregung und ihrer Wirkung auf die Aufmerksamkeitsprozesse, zur Wahrnehmung von Gesichtern und Attraktivität (auch aus interkultureller Perspektive) und zum Einfluss von Testosteron darauf, welche Gesichter bevorzugt werden. David Puts hielt einen unterhaltsamen Vortrag zur Rolle der Stimme in der sexuellen Selektion und gab dem Publikum die Gelegenheit, seine Überlegungen anhand verschiedener Stimmbeispiele selbst zu testen. 

Vergleichbar viel Raum erhielten die „Neuen Medien“, und hier insbesondere die Bedeutung des Internets für Sexualverhalten, Wissen und Einstellungen zur Sexualität. Erfreulicherweise wurde objektiv und nüchtern mit dem Thema umgegangen, ohne es von vornherein zu dämonisieren. Ganz im Sinne der Academy waren die ReferentInnen vorbildlich international ausgewählt und stellten Studien aus verschiedenen Ländern vor: Kanada (E. Sandra Byers, Krystelle Shaughnessy), Holland (Hanneke de Graaf), Deutschland (Nicola Döring) und Schweden (Kristian Daneback) waren repräsentiert. Alle Redner kamen zu ähnlichen Schlussfolgerungen: Sexuelle Aktivitäten haben sich um einen neuen Raum erweitert, was Nach- aber auch Vorteile mit sich bringe. Dass das Internet ein neues Phänomen ist, das weiter erforscht werden sollte, stand außer Frage. 

Aus Sicht der sexuellen Gesundheit wurde auf der Tagung Transidentität betrachtet. Im Zentrum standen dabei überraschenderweise weniger die Betroffenen selbst, als vielmehr ihre Verehrer. Die Partner von Transidenten oder – mit den Worten von Don Operario – „advanced women“ und „advanced men“, gehören zu den HIV-Risikogruppen. Sie seien selbst zwar nicht „transsexual“, dafür aber „try-sexual“, was mit einem höheren Ansteckungsrisiko einhergehe. Der Forscher befragte Sexualpartner von Transidenten u. a. übers Internet, wo ihre Anonymität gewahrt blieb. Im Zentrum seiner Untersuchung stand einerseits die sexuelle Identität und Anziehung zu transidentischen Menschen, andererseits das sexuelle Risikoverhalten. Die Ergebnisse sind beunruhigend: für die Gruppe sind ein hohes HIV-Ansteckungsrisiko, Substanzgebrauch und psychosoziale Probleme typisch. Vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse wurde deutlich, dass nicht nur Transidenten, sondern auch ihre Partner spezifischer Hilfsangebote bedürfen. Eine andere, etwas enthusiastischere Perspektive auf „try-sexual“-Verhalten bot Lisa Diamond an und berichtete von ihren therapeutischen Erfahrungen im Bereich Transgender. Unter dem Titel „More than one gender“ versuchte sie, die Vielfalt an Möglichkeiten darzustellen und dazu einzuladen, sie zu genießen. 

Für eine Reihe von Diskussionspunkten sorgten auch Vorträge außerhalb der Symposien, die oft mit spannungsgeladenen Titeln versehen waren: „Contraception: What’s Sex Got to Do with It?“ von Cynthia Graham beispielsweise, oder „The Power in Gender Roles: How Female Submission Relates to Sexual Satisfaction“ von Diana Sanchez. Neben Invited Lectures gab es zwei Reihen von Brief Communications, die auch jüngeren KollegInnen die Möglichkeit boten, ihre Arbeiten vorzustellen. Von Gesundheitsthemen wie dem Einfluss der Fibromyalgie auf die Sexualität über neue Erscheinungen wie „Feederism“ bis hin zu therapeutischen Fragen, wie etwa nach sexuellen Problemen im Alter oder sexuellem Missbrauch in der Kindheit aus bindungstheoretischer Perspektive – die Bandbreite der wissenschaftlichen Fragestellungen war überwältigend. Und insbesondere in den Diskussionen offenbarte sich auch die Bedeutung des Austauschs, der im besten Falle zu Kooperationen führt, von denen alle profitieren können. 

Auch die Poster Session ermöglichte den jüngeren ForscherInnen, zu Wort zu kommen. Die vorgestellten Arbeiten waren sehr unterschiedlich, sowohl thematisch als auch in der Form. Insgesamt gab es 62 Poster, ein Drittel davon aus den USA, jeweils fünf aus Kanada, Portugal und Holland, vier aus Deutschland, drei aus Belgien, jeweils zwei aus Tschechien, England, Kroatien und Frankreich. Mit einzelnen Postern waren auch Schweden, Ghana, Chile, Norwegen, Spanien und Indonesien vertreten. Die Idee der Kooperation haben sechs internationale Poster in die Tat umgesetzt: Vier Poster kamen aus einem amerikanisch-portugiesischen Team, eins aus einer amerikanisch-tschechischen Zusammenarbeit und eins aus einer amerikanisch-finnisch-estnisch-israelischen Forschung. Angesichts der großen Konkurrenz ist es umso erfreulicher, dass ein Team aus dem Hamburger Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie den Posterpreis gewinnen konnte. 

Die Herkunftsländer der Referenten waren weniger stark gemischt als die der Poster. Von 43 Vorträgen stammten 17 aus den USA, sieben aus Kanada, fünf aus England, vier aus Tschechien und drei aus Deutschland. Überdies gab es jeweils zwei holländische und zwei israelische Referenten und jeweils einen aus Belgien, Portugal und Schweden. Die ungleiche Verteilung könnte verschiedene Ursachen haben: Dass 29 Vorträge von englischen Muttersprachlern gehalten wurden, deutet darauf hin, dass die Sprache einem offeneren Austausch im Weg steht. Andere Hypothesen wären, dass die Planung der Tagung in einem zu kleinen Kreis stattfindet oder zu wenig neue Referenten ihr Interesse anmelden. Dann ließe sich fragen, warum die Forschungslandschaft der Sexualwissenschaft immer noch so viele weiße Flecken aufweist, obwohl zahlreiche exzellente ForscherInnen auch in den oben nicht erwähnten Ländern tätig sind und was diese daran hindert, ihre Arbeiten mit anderen zu teilen. 

Die vier abwechslungsreichen Tage in Prag haben die TeilnehmerInnen trotz gelegentlicher anfänglicher Unsicherheit, gebrochenem Englisch oder Müdigkeit nach stundenlangem Aufmerksamkeitsaufwand zusammen gebracht. In den Debatten wurden Unterschiede und Ähnlichkeiten sichtbar, und es entwickelte sich ein sexualwissenschaftliches Familiengefühl, das „pluri-lokal über nationalgesellschaftliche Grenzen hinweg“ existiert. Um den transnationalen Charakter der Academy zu festigen, wäre es wünschenswert, Austausch und Kooperation weiter zu stärken und sich um die Anwesenheit von ForscherInnen aus weiteren Ländern bemühen. Denn: „die Mischung macht’s!“ 

Literatur

1 Das erste Mal fand die Tagung im Jahr 1979 in Prag statt, das zweite Mal im Jahr 1992.

  • 1 Green R. The International Academy of Sex Research: In the Beginning.  Arch of Sex Behav. 1985;  14 293-302
  • 2 Pries L. Transnationalisierung der sozialen Welt?.  Berl J Soz. 2002;  2 263-272

Urszula Martyniuk

Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie · Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Martinistraße 52

20246 Hamburg

Email: umartyni@uke.uni-hamburg.de

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