Z Sex Forsch 2010; 23(4): 381-398
DOI: 10.1055/s-0030-1262746
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Publikationsdatum:
23. Dezember 2010 (online)

Risiken und Chancen der „Pornografisierung“: Neun aktuelle Buchpublikationen

Deutschlands sexuelle Tragödie. Wenn Kinder nicht mehr lernen, was Liebe ist.1 Generation Porno. Jugend, Sex, Internet.2 Pornified. How Pornography is Damaging our Lives, our Relationships, and our Families.3 The Porning of America. The Rise of Porn Culture, What It Means, and Where We Go from Here.4 Pornification. Sex and Sexuality in Media Culture.5 Porn.com. Making Sense of Online Pornography.6 Dispositive digitaler Pornografie. Zur Verflechtung von Ethik, Technologie und EU-Internetpolitik.7 Obszöne Lust oder etablierte Unterhaltung? Zur Rezeption pornografischer Filme.8 Porno im Web 2.0. Die Bedeutung sexualisierter Web-Inhalte in der Lebenswelt von Jugendlichen.9

Über das Internet sind sexuell explizite Texte, Bilder und Filme heute bekanntlich in großer Menge und thematischer Vielfalt jederzeit und überall diskret und kostengünstig zugänglich. Sie werden von vielen Männern, einer nennenswerten Zahl von Frauen sowie nicht selten von Paaren und Freundesgruppen mehr oder minder intensiv rezipiert. In manchen Fällen kommt es zu klinisch relevantem exzessivem Online-Pornografie-Gebrauch und / oder zur Nutzung illegaler Inhalte. Durch das „Mitmach-Web“ (Web 2.0) können interessierte User_innen erotische und pornografische Internet-Inhalte nicht nur konsumieren, sondern auch selbst produzieren, diskutieren und verbreiten. So entstehen jenseits herkömmlicher kommerzieller Mainstream-Pornografie vielfältige neue Non-Mainstream-Pornografien.

In der breiten Öffentlichkeit sowie in der Fachliteratur gilt Internet-Pornografie als ein zentrales Element fortschreitender „Pornografisierung“ oder „Pornifizierung“ der Gesellschaft. Damit ist gemeint, dass Pornografie insbesondere durch das Internet zunehmend zum selbstverständlichen Teil des Alltagshandelns wird und Bezüge zur Pornografie in immer mehr Bereiche der Populärkultur Einzug halten (z. B. „Porno-Chic“ in der Mode, „Porno-Rap“ in der Musik). Diese Entwicklung wird in der Regel negativ bewertet, sowohl im Hinblick auf unsere sexuelle Kultur als auch hinsichtlich der Gefahren für die Individuen. Aufgrund der negativen Konnotationen von „Pornografie“ schließt die Bezeichnung „Pornografisierung“ neutrale oder gar positive Sichtweisen auf die Veralltäglichung sexuell expliziter und potenziell stimulierender Medienangebote von vorne herein aus. Besonders problematisch wird der Einfluss der Pornografisierung auf Kinder und Jugendliche eingeschätzt. Sie werden neuerdings nicht nur als „Internet-Generation“, sondern auch als „Generation Porno“ etikettiert, der „sexuelle Verwahrlosung“ drohe.

In der medizinischen, psychotherapeutischen und pädagogischen Praxis werden Fragen rund um den – richtigen oder falschen – Umgang mit Pornografie dringlicher. Und angesichts des emotional aufgeladenen und komplexen Themenfeldes werden Antworten, die auf sexual- bzw. sozialwissenschaftlicher Theorie und Empirie basieren, durchaus gesucht und geschätzt. Zum jetzigen Zeitpunkt fehlt es jedoch noch an aussagekräftigen Studien. Die vorliegende Sammelrezension stellt neun Buchpublikationen zum Phänomen der Pornografisierung vor. Die bewusst heterogene Auswahl der Bücher erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie verfolgt vielmehr das Ziel, ein breites Spektrum an wissenschaftlichen wie nicht-wissenschaftlichen Stimmen zu präsentieren und dabei zentrale Positionen, Befunde und Forschungslücken aufzuzeigen.

„Ein Sozialpädagoge, der in einem sozialen Brennpunkt arbeitet, stellt fest, dass jugendliche Pärchen einander nicht mehr küssen und auch nicht Händchen halten. Wieso auch? Eine innere Verbindung zueinander ist nicht vorhanden. Was die Jugendlichen kennen, ist Sex. Von Liebe wissen sie nichts. Davon vermitteln ihnen die Pornos nichts. In diesen Filmen wird auch nicht geküsst, sondern man kommt gleich zur Sache.“ Trauriger als in dieser Beschreibung (S. 62) aus dem Buch von Bernd Siggelkow (evangelikaler Pastor) und Wolfgang Büscher (Journalist) kann man sich die Auswirkungen der von ihnen so bezeichneten „Pornoseuche“ kaum vorstellen. Die Autoren haben das Schlagwort von der „sexuellen Verwahrlosung“ populär gemacht. Beide sind für das christliche Kinder- und Jugendwerk „Die Arche“ in Berlin tätig und skizzieren in ihrem Buch die Lebensumstände von 30 Mädchen und Jungen aus ihrer Einrichtung. Die meisten sind zwischen 16 und 20 Jahre alt. Alle stammen aus sozialen Brennpunkten. Bildungsferne, Alkohol, harte Drogen, Arbeits- und Perspektivlosigkeit prägen ihr Leben. Sie haben eine meist allein erziehende Mutter mit wechselnden Partnern, sind selbst seit langem sexuell aktiv, verhüten kaum, einige sind bereits Eltern. Die Darstellung der Fallbeispiele auf jeweils drei bis fünf Seiten soll laut Buchtitel „Deutschlands sexuelle Tragödie“ aufzeigen.

Tatsächlich werden Jugendliche in oft schwierigen sozialen Situationen sichtbar. Ihr Sexualverhalten entspricht in verschiedener Hinsicht nicht den bürgerlichen Normen und erst recht nicht dem von Siggelkow propagierten christlichen Ehe-Ideal. In einer Mischung aus Mitleid und Missbilligung werden die sexuellen Biografien der Jugendlichen angerissen: One-Night-Stands, gleichgeschlechtliche Kontakte, Gruppensex, Intimpiercings, Teenager-Schwangerschaften, kurze Röcke, kurze Affären, ältere Partner, jüngere Partner usw. Die Sichtweisen der Beteiligten werden weitgehend ignoriert und negiert, etwa die Tatsache, dass eine Reihe von Mädchen sich offenbar sehr positiv an ihr erstes Mal mit einem „süßen Jungen“ erinnern, auch wenn daraus keine lange Beziehung wurde.

Das Buch verbreitet populäre Pornografie-Mythen, die zu hinterfragen sind. Dass auf der Pornoplattform Youporn „Vergewaltigungsszenen“ (also illegale Gewaltpornografie) zu finden seien (S. 61), ist unzutreffend. Und dass in Pornos nicht geküsst werde, ist ebenso unrichtig. Eine Sichtung der 30 populärsten Filme auf Youporn (zwischen rund 1 Million und 400 000 Abrufe pro Film in Kalenderwoche 13, 2010) zeigte, dass in 50 % dieser Pornoclips mehr oder minder ausgiebige Küsse zwischen Frauen und Männern, unter Frauen, allerdings nicht unter Männern ausgetauscht werden.

Inzwischen mehren sich die Fachbeiträge, die die mediale Aufregung um die „sexuelle Verwahrlosung“ einer angeblich ganzen „Generation Porno“ als „Moralpanik“ kennzeichnen – insbesondere auch vor dem Hintergrund, dass Jugendsexualität nach wie vor typischerweise in festen Beziehungen stattfindet, Liebe und Treue hoch im Kurs stehen und heute so sorgfältig wie nie zuvor verhütet wird.

Als „einen kinderlosen, liberalen Endzwanziger, der harte Sexfilme sehr kritisch sieht, aber nicht grundsätzlich verteufelt“, beschreibt sich der Journalist Johannes Gernert in seinem Buch „Generation Porno“ (S. 53). Von Pastor Siggelkow distanziert er sich ausdrücklich und ebenso von einer Diffamierung der heutigen Jugendlichen als „Generation Porno“, wenngleich das skandalisierende Schlagwort als Buchtitel dient. Der Autor will aber auch nicht „verharmlosen“, sondern aufklären und informieren. Dazu hat er mit Jugendlichen, Eltern, Sexualpädagogen, Wissenschaftlern, Politikern und einem Pornoproduzenten gesprochen. Die heutigen Jugendlichen – so sein Fazit – seien nicht „verwahrlost“, sondern durch die Flut sexualisierter Medieninhalte in erster Linie „verunsichert“. Um dem entgegen zu wirken, fordert er Eltern und Pädagogen auf, mit Kindern und Jugendlichen über Sexualität und Pornografie zu „reden, reden, reden“ (S. 245). In Gernerts Welt sind es ausschließlich die Jungen, die sich für sexuell explizite Darstellungen interessieren. Ziel soll sein, ihnen zu helfen, pornografische Darstellungen hinsichtlich der gezeigten Körperbilder, Geschlechtsrollen oder Sexualpraktiken kritisch einschätzen zu können. Gernert geht darauf ein, warum es vielen Eltern und Lehrern so schwer fällt, mit Jugendlichen über Pornografie ins Gespräch zu kommen. Ein kurzer Ratgeberteil soll dazu ermutigen und die sexualbezogene Medien- bzw. Pornografiekompetenz fördern. 

„Wie kommt es, dass so ein nettes Mädchen wie du ein Buch über Pornos schreibt?“ Das sei die US-amerikanische Journalistin Pamela Paul oft gefragt worden, als sie an ihrem Buch „Pornified“ arbeitete (S. 1). Natürlich sei Pornografie für sie selbst kein Thema. Rein beruflich habe sie sich erstmals damit befasst. Dabei sei ihr schlagartig klar geworden, wie viele Menschen – Männer, Frauen, Jugendliche – unter der Pornifizierung der amerikanischen Kultur leiden. Pornografie werde in den USA heute weitgehend als normal und positiv angesehen. Wer Pornografie-Kritik äußere, gelte als prüde und verklemmt. Der immense Schaden, den Porno-Konsum anrichte, werde dabei einfach ignoriert. Pauls Buch basiert zum einen auf Interviews mit rund 80 Männern und 20 Frauen, von denen jeweils Einzelzitate in den Text eingestreut werden. Zum anderen beruft sich die Autorin auf eine eigens in Auftrag gegebene bevölkerungsrepräsentative Umfrage, deren Methodik und Ergebnisse jedoch nicht berichtet werden.

Das zentrale Porno-Risiko der Männer wird in der Abstumpfung gesehen, die nicht selten in die Pornosucht führe und gleichzeitig das Vergnügen am realen Sex reduziere bis hin zur Impotenz. Frauen würden sich durch den masturbatorischen Pornokonsum ihrer Partner betrogen und in Konkurrenz zu den Pornodarstellerinnen fühlen. Eifersucht und Vertrauensverlust seien die Folge. Die Autorin verweist darauf, dass Pornografie für Frauen zwar mittlerweile auch produziert und propagiert werde, jedoch als Irrweg zu sehen sei. Frauen hätten schließlich nur Nachteile davon, wenn sie sich an rein visuelles sexuelles Vergnügen gewöhnten und dann das Aussehen potenzieller Partner kritischer bewerteten (S. 271). Paul vergleicht Pornografie mit Tabak. Galten Zigaretten lange als cool und sexy, und waren sie laut Tabakindustrie unschädlich, so sind ihre Gesundheitsrisiken heute allgemein anerkannt: Jede Packung enthält Warnhinweise und das Rauchen werde gesellschaftlich zunehmend geächtet. Die gleiche Entwicklung wünscht die Journalistin Pamela Paul sich im Hinblick auf Pornografiekonsum. 

Als Wissenschaftler seien sie es gewohnt, ihren Untersuchungsgegenstand „objektiv“ und „leidenschaftslos“ zu betrachten. So leiten die beiden Englischprofessoren Carmine Sarracino und Kevin Scott ihre Monografie „The Porning of America“ ein (S. IX). Doch beim Thema Pornografisierung sei ihnen die übliche Distanz nicht möglich. Als Väter kleiner Kinder, als Ehegatten und als sexuell aktive Männer seien sie in vielfältiger Weise persönlich in das Thema involviert. Ihre Haltung sei weder Anti-Porno noch Pro-Porno, sondern in erster Linie „Pro-Sex“ (S. XVIII). Ihr Ideal von gutem Sex basiert auf einem gleichberechtigten Geben und Nehmen sinnlichen Vergnügens, ohne dass jemand zum Sexobjekt gemacht wird: „Sex without sexualisation is an ideal to be pursued“ (S. XIV). Die Autoren kritisieren in ihrer essayistischen Darstellung die Sexualisierung der amerikanischen Populärkultur, insbesondere wenn diese Minderjährige adressiert (z. B. Tangaslips für Kinder). Hinsichtlich pornografischer Darstellungen plädieren sie für eine inhaltliche Differenzierung: Sie unterscheiden zwischen sexualfeindlicher Pornografie („Anti-Sex Porn“) wie beispielsweise Gewaltpornografie, und sexualfreundlicher Pornografie („Pro-Sex Porn“), die heute vor allem unter der von Frauen und Amateuren produzierten Pornografie zu finden sei. Sexualfreundliche Pornografie zeichne sich dadurch aus, dass ganz normal aussehende Menschen, vorzugsweise Liebes- oder Ehepaare, sich miteinander vergnügen und dabei echte Orgasmen haben (S. 221). 

Während Sarracino und Scott in der filmischen Dokumentation von alltagsnahem, möglichst auch ehelichem Sex den innovativen sexualfreundlichen Porno erblicken, weisen die finnischen Medienwissenschaftlerinnen Susanna Paasonen, Kaarin Nikunen und Laura Saaremaa in ihrem Sammelband „Pornification“  darauf hin, dass pornografische Darstellungen gerade daraus ihren Reiz gewinnen, dass sie sexuelle Normen sprengen und sich eben auch auf Sex jenseits der heterosexuellen Paarbeziehung konzentrieren (S. 13). Sie plädieren dafür, weder pauschal von „der Pornografie“ noch von „der Pornografisierung“ zu sprechen, sondern genau zu differenzieren, welche Inhalte und Phänomene jeweils gemeint sind. Eine pauschale Kritik an der fortschreitenden Pornografisierung berge schließlich die Gefahr, die vielfältigen Ansätze für konstruktive und alternative Entwicklungen im Bereich sexualisierter Medien (z. B. Amateur-Pornografie, queere Pornografie, feministische Pornografie, Frauen-Porno etc.) zu blockieren. Der Band bezieht sich oft auf Pornoproduktionen und Pornodiskurse in den USA und enthält zahlreiche Beiträge von amerikanischen Autor_innen. Gleichzeitig wird die allgemein vorherrschende US-Dominanz im Zusammenhang mit Pornografisierung(-sdebatten) zumindest einmal kritisch angesprochen. Im Unterschied zu den USA und Deutschland habe in der finnischen Öffentlichkeit die politisch und religiös aufgeladene Behandlung des Themas als eine sich ständig wiederholende Kontroverse zwischen Anti-Porn- und Anti-Anti-Porn- bzw. Pro-Porn-Positionen nie eine große Rolle gespielt.

Das Anliegen des Buches ist es, Pornografisierungsphänomene gegenstandsbezogen und kontextualisiert zu behandeln, wie es der Zielsetzung der sich in den letzten Jahren etablierenden medien- und kulturwissenschaftlichen Pornografie-Forschung (Porn Studies) entspricht. Dies führt zu einer extrem heterogenen Mischung von Inhalten: Dargestellt werden Diskussionen über Pornografie in den Online-Foren der Zeitschrift Cosmopolitan und die – an pornografischen Subgenres orientierte – Klassifikation von Online-Profilen auf der homosexuellen Dating-Plattform Gaydar. Außerdem geht es u. a. um pornografische Gesten in Musikvideos und um Dessous-Plakatwerbung von H & M im öffentlichen Raum. Die meisten Beiträge kommen zu einer ambivalenten Einschätzung und zeigen auf, dass und wie Pornografie-Bezüge als befreiend und einengend zugleich gelesen werden können, weil sie sexuelle Normen teilweise in Frage stellen, teilweise aber auch neu etablieren.

Die britische Medienwissenschaftlerin Feona Attwood ist eine der aktuell führenden Autorinnen im Bereich der Porn Studies. In ihrem Sammelband „Porn.com“  konzentriert sie sich auf Online-Pornografie. Auch hier geht es weniger um die Frage, ob Internet-Pornografie „gefährlich“ ist oder nicht, als vielmehr darum, Inhalte und Lesarten verschiedener sexuell expliziter Online-Darstellungen zu rekonstruieren. So werden beispielsweise Nutzung und Geschäftsmodell der Amateur-Pornovideoplattform XTube vorgestellt und diskutiert. Auch hier ist das Ergebnis ambivalent: Selbstproduzierte Pornografie und ihre Vermarktung gehen für die Beteiligten einher mit Chancen des Empowerment und Risiken der Selbst-Objektivierung.

Wie sich heterosexuelle Männer im Internet über ihre Pornografienutzung austauschen, zeigt eine Inhaltsanalyse des Online-Forums FreeOnes Talk (board.freeones.com). Im Mittelpunkt der dortigen Diskussionen stehen die Pornoliebhaber selbst und ihre Gemeinschaft. Thematisiert werden Merkmale von Pornodarstellerinnen sowie das eigene Masturbationsverhalten. Wenn Freundinnen oder Ehefrauen erwähnt werden, dann nie in Verbindung mit den Pornodarstellerinnen, sondern nur im Hinblick auf deren Einstellungen zur Pornografie und das gemeinsame Anschauen von Pornos. Sexuell explizite Online-Geschichten, so zeigt eine Untersuchung der Internet-Plattform literotica.com werden von Frauen und Männern produziert und rezipiert. Sie zeichnen sich durch sexuell sehr eindeutige, oft auch normverletzende sexuelle Aktivitäten aus, die nicht selten in umfangreiche Erzählungen eingebettet sind. Pornografische Direktheit wird so mit erotischer Narration kombiniert. Die Qualität der Geschichten wird von den Nutzer_innen ausdrücklich diskutiert, wobei das Erregungspotenzial ein zentrales Kriterium darstellt. Der Band belegt die Anschaulichkeit einer detaillierten und differenzierten Untersuchung sexuell expliziter Online-Kommunikation. Als unbefriedigend ist die Darstellung des aktuellen Stands der medienwissenschaftlichen Pornografie-Forschung jedoch sowohl in theoretischer als auch methodischer Hinsicht zu bewerten: Viele Beschreibungen wirken unsystematisch und anekdotisch, theoretische Rahmenmodelle oder Strukturierungen des Gegenstandsgebietes fehlen noch weitgehend. So ist auch die Gliederung des Buches in die drei Teile („Porn Practices“, „Porn Styles“ und „Porn Cultures“) an keiner Stelle konzeptuell begründet und bleibt leider nebulös.

Die österreichische Politikwissenschaftlerin Doris Allhutter behandelt in ihrer Dissertation „Dispositive digitaler Pornografie“  die Verflechtung von Ethik, Technologie und EU-Internetpolitik. Auch sie verortet sich ausdrücklich jenseits einer pauschalen Pro- oder Anti-Porno-Position. Sie geht von einer Vielfalt pornografischer Genres und Repräsentationen aus, die – je nach Herstellungs-, Verbreitungs- und Aneignungspraktiken – teils als „sexistisch und menschenverachtend“, teils als „subversiv und lustvoll“ erachtet werden können (S. 13). Aus feministisch-dekonstruktiver Perspektive kritisiert sie jene pornografischen Darstellungen, die festgeschriebene, einseitige und hierarchische binäre Geschlechtsrollen affirmieren. Im Zentrum ihrer komplexen Analyse steht die Betrachtung von computergenerierter Pornografie, einem in der Fachliteratur weitgehend vernachlässigten Gegenstand. Computergenerierte (CG) sexualisierte Körper und Sexualakte existieren als Bilder und Filme (CG Porn, z. B. Renderotica.com), als Simulations-Spiele, bei denen man die Charaktere und ihre sexuellen Handlungen interaktiv steuern kann (z. B. Virtual Eve, 3D Sex Villa; Virtual Hottie 2) sowie im Rahmen virtueller Welten, in denen die Beteiligten sich in Form von Avataren begegnen und miteinander Cybersex haben können (z. B. Secondlive.com, Redlightcenter.com, Sociolotron.com).

Die Autorin zeigt sehr detailliert auf, dass bei der Entwicklung computergenerierter Sex-Simulationen herkömmliche geschlechterhierarchische Konventionen der Mainstream-Pornografie einfließen: So werden in der Sex-Simulation „Virtually Jenna“ (angelehnt an die amerikanische Pornodarstellerin Jenna Jameson) die Körper der männlichen Figuren sehr viel weniger detailliert dargestellt. Sie können aus nur wenigen Blickwinkeln betrachtet und mit keinem der angebotenen Sextoys penetriert werden (S. 216 f.). Es sind also die durch Design-Entscheidungen vorstrukturierten virtuellen Handlungsspielräume bzw. deren Grenzen, die laut Allhutter aus feministischer Sicht kritisiert werden müssen (S. 230). Individuelle Nutzungsmöglichkeiten und subversive Lesarten digitaler Pornografie würden dort an ihre Grenzen stoßen, wo in die digitalen Artefakte bereits das gesellschaftlich vorherrschende konservative Bild von Geschlechterdifferenz und Sexualität eingeschrieben sei. Schließlich problematisiert sie, dass in der EU-Internetpolitik Geschlechteraspekte im Zusammenhang mit Pornografie nicht ausreichend diskutiert werden.

Allhutters Blick auf CG-Pornografie ist wegen des ungewöhnlichen Detaillierungsgrades spannend, etwa wenn sie beschreibt, wie viel Wert die Entwickler auf natürlich wirkende Schwingungsbewegungen bei der weiblichen Brust im Gegensatz zu Hoden und Penis legen. Die recht apodiktische These der Autorin, dass subversive Lesarten nur möglich seien, wenn pornografische Darstellungen schon bei der Produktion Geschlechterstereotype in Frage stellen, wird durch ihren eigenen Text relativiert: Ihre betont sachlich-distanzierte Darstellung wird immer wieder von Ironie und Amüsement gebrochen, etwa wenn sie vermerkt, dass in Tool-Kits für die Konstruktion virtueller Penisse unter anderem „foreskin roll back morphs“ und „midshaftscale morphs“ existieren (S. 166), oder dass es in Virtually Jenna möglich ist, die Protagonistin zum Höhepunkt zu bringen, indem man eine Gurke 16 Minuten lang in ihrem Mund hin und her rotieren lässt (S. 220). Derartige Bemerkungen dekonstruieren selbst die These, CG-Pornografie reproduziere ein übermächtiges Bild hegemonialer Männlichkeit, zu dessen Kontrolle wir nach rechtlichen Regelungen auf EU-Ebene rufen sollten. Die näher liegende pragmatische Frage ist doch, von wem auf Produzent_innen-Seite zukünftig auch andere pornografiebezogene „Design-Entscheidungen“ getroffen und auf Rezipient_innen-Seite entsprechend angeeignet werden könnten. Das wiederum setzt eine aktive Beteiligung und das Beziehen positiver Standpunkte voraus. Wenn also Allhutter auf vielen Seiten zu Recht kritisiert, dass männliche Körperdarstellungen in der primär für ein männliches Publikum produzierten Mainstream-CG-Pornografie nicht im selben Maße für das voyeuristische Vergnügen optimiert sind wie weibliche Körper, warum wird von ihr die Existenz von Tools, die beispielsweise für natürliche Hodenbewegungen sorgen können, nicht gewürdigt, sondern eher belustigt zur Kenntnis genommen? Und wenn sie schon feststellt, dass ein Merkmal der Sex-Simulationen darin besteht, dass im Unterschied zum Mainstream-Hetero-Pornofilm der weibliche Orgasmus stets ausdrücklich und losgelöst vom männlichen Orgasmus inszeniert wird (S. 221), warum würdigt sie nicht die daraus sich ergebenden positiven Design-Optionen und diskutiert deren Umsetzungsmöglichkeiten?

Authentisch wirkende Lust- und Orgasmus-Äußerungen insbesondere der Protagonistinnen scheinen ein Qualitätsmerkmal von Pornografie zu sein, das bei diversen weiblichen wie männlichen Zielgruppen gut ankommen könnte. Im Rahmen ihrer Magisterarbeit „Obszöne Lust oder etablierte Unterhaltung?“  hat die Kommunikationswissenschaftlerin Gaye Suse Kromer vier Frauen und vier Männern im Alter zwischen 30 und 40 Jahren einen kommerziellen heterosexuellen Porno-Film sehen lassen und sie anschließend zu ihren Rezeptionserlebnissen und Erfahrungen mit Pornografie befragt. Dabei stellte sich u. a. heraus, dass – trotz unterschiedlicher Einstellungen und Erfahrungen – sowohl die befragten Männer als auch die Frauen den Film wenig erregend empfanden. Sie wünschten sich überwiegend besser aussehende Darsteller, eine bessere Story und mehr sichtbares Vergnügen bei allen Beteiligten, inklusive den Darstellerinnen. Die Asymmetrie der pornografischen Inszenierung wird von einer der interviewten Personen folgendermaßen kommentiert: „Die Frau hat echt die Arschkarte gezogen. Die befriedigt drei Männer […] und sie geht leer aus“ (S. 53). Obwohl die Befragten generell einen offeneren Umgang mit Pornografie in der Gesellschaft konstatierten, war für die Hälfte das Thema sehr schambesetzt, so dass sie es z. B. nicht wagen würden, in der Videothek eine Porno-DVD auszuleihen. Trotz der für Qualifikationsarbeiten typischen Schwachstellen sind die Interview-Transkripte sehr informativ, insbesondere weil hier Stimmen von Erwachsenen der Eltern-Generation hörbar sind, die heute aufgefordert werden, mit Jugendlichen über Pornografie zu „reden“. Untereinander – etwa mit Freunden oder Partnern – erscheinen sie kaum an das „Reden“ über Pornoerfahrungen gewöhnt.

Dass nicht nur Erwachsene, sondern auch Jugendliche heterogene Einstellungen zu und Erfahrungen mit Pornografie haben, zeigt die Studie „Porno im Web 2.0“  der Kommunikationswissenschaftlerin Petra Grimm (zusammen mit Stefanie Rhein und Michael Müller). Die Untersuchung basiert zum einen auf Fokusgruppen-Diskussionen mit 25 Jungen und 10 Mädchen im Alter zwischen 13 und 19 Jahren, zum anderen auf 14 Experten-Interviews. Sichtbar werden Jungen, die Pornografie positiv bewerten und intensiver nutzen, Jungen, die ausdrücklich nur in Single-Phasen auf Pornos zurückgreifen, Jungen, die Pornos aufgrund ihres christlichen Glaubens ablehnen, Jungen, die Pornos zwar nutzen, aber den Pornomarkt und die Entstehung von Pornos kritisch reflektieren etc. Mädchen werden mit porno-ablehnenden und porno-tolerierenden Aussagen zitiert. Die Studie arbeitet heraus, was die Jungen und Mädchen überhaupt unter dem Schlagwort „Porno“ verstehen und welche Arten von Pornografie sie unterscheiden. Dass Jugendliche die Fiktionalität von Pornografie durchaus erkennen, die Porno-Welten von ihren eigenen sexuellen Realitäten differenzieren und „extreme“ Darstellungen ohnehin vehement ablehnen, wird sehr deutlich. Auch in den Experteninterviews überwiegt eine ent-skandalisierende Haltung hinsichtlich befürchteter negativer Porno-Wirkungen, zu deren Prävention vor allem eine gute Sexual- und Medienbildung empfohlen wird. 

Großen Wert legt die Studie auf den Gender-Aspekt im Umgang mit Pornografie. Während Jungen aufgrund ihrer „Triebe“ Pornos bräuchten, hätten normale Mädchen (die schließlich keine „Schlampen“ seien) so etwas gar nicht nötig – soweit die biologistische Überzeugung sowohl der befragten Jungen als auch der Mädchen. Leider affirmiert die Studie selbst dieses Geschlechterklischee, indem sie als apodiktisches Fazit festhält, dass „die Mädchen“ Pornos „eklig“ bzw. „abstoßend“ finden (S. 255). Da an der Studie nur zehn Mädchen teilgenommen haben, die hinsichtlich ihrer Geschlechtsidentitäten, sexuellen Orientierungen usw. offenbar keine große Vielfalt repräsentieren, hätte ein solches seinerseits biologistisch anmutendes Fazit zumindest diskutiert werden müssen. Völlig einig waren sich die befragten Jugendlichen dahingehend, dass es „peinlich“ sei, mit Eltern oder Lehrern über Pornos zu sprechen und dass das ohnehin zur „Privatsphäre“ gehöre. Grimm schlägt zur pornografiebezogenen Medien- und Sexualaufklärung deswegen ein Mentoren-Programm vor, in dessen Rahmen geschulte ältere Jugendliche bzw. junge Erwachsene mit den Jüngeren geschlechtsspezifisch über Pornos sprechen könnten. Dass und warum Pornos in vielerlei Hinsicht „unrealistisch“ sind und nicht als Maßstab für das eigene Sexualleben herangezogen werden sollten, wird als Kernthema entsprechender Aufklärungsgespräche mit Jugendlichen nahe gelegt. Dass und warum sexuell explizite Darstellungen so unterschiedlich gelesen und interpretiert werden, und wie viel Widersprüchlichkeit zu Tage tritt, wenn man einmal die Pro-und-Kontra-Positionierungen verlässt, darüber gäbe es unter Erwachsenen noch viel zu reden.

Nicola Döring (Ilmenau)

  • 1 Siggelkow Bernd, Büscher Wolfgang. Deutschlands sexuelle Tragödie. Wenn Kinder nicht mehr lernen, was Liebe ist.. Asslar: GerthMedien; 2008. 187 Seiten, EUR 14,95
  • 2 Gernert Johannes. Generation Porno. Jugend, Sex, Internet.. Köln: Fackelträger; 2010. 285 Seiten, EUR 19,95
  • 3 Paul Pamela. Pornified. How Pornography is Damaging our Lives, our Relationships, and our Families.. New York: Holt; 2005. XI, 304 Seiten, USD 18,00
  • 4 Sarracino Carmine. Scott Kevin. The Porning of America. The Rise of Porn Culture, What It Means, and Where We Go from Here.. Boston: Beacon Press; 2008. XX, 251 Seiten, USD 24,95
  • 5 Paasonen Susanna. Nikunen Kaarina. Saaremaa Laura. Pornification. Sex and Sexuality in Media Culture.. Oxford: Berg; 2007. 256 Seiten, USD 29,95
  • 6 Attwood Feona (Hrsg.). Porn.com. Making Sense of Online Pornography.. New York: Peter Lang; 2010. VII, 287 Seiten, USD 29,65
  • 7 Allhutter Doris. Dispositive digitaler Pornografie. Zur Verflechtung von Ethik, Technologie und EU-Internetpolitik.. Frankfurt / M.; New York: Campus; 2009. (Reihe: Politik der Geschlechterverhältnisse, Bd. 39). 314 Seiten, EUR 34,90
  • 8 Kromer Gaye Suse. Obszöne Lust oder etablierte Unterhaltung? Zur Rezeption pornografischer Filme.. Hamburg: Diplomica; 2008. 240 Seiten, mit grafischen Darstellungen, EUR 39,50
  • 9 Grimm Petra. Rhein Stefanie. Müller Michael. Porno im Web 2.0. Die Bedeutung sexualisierter Web-Inhalte in der Lebenswelt von Jugendlichen.. Berlin: Vistas; 2010. 288 Seiten, mit grafischen Darstellungen, EUR 17,00
  • 10 Butler Judith. Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen.. Frankfurt / Main: Suhrkamp Verlag; 2009. 414 Seiten, EUR 24,80
  • 11 Berkel Irene (Hrsg). Postsexualität. Zur Transformation des Begehrens.. Gießen: Psychosozial-Verlag; 2009. (Beiträge zur Sexualforschung, Bd. 92). 195 Seiten, mit Abbildungen, EUR 22,90
  • 12 Benkel Thorsten. Akalin Fehmi (Hrsg). Soziale Dimensionen der Sexualität.. Gießen: Psychosozial-Verlag; 2010. (Beiträge zur Sexualforschung, Bd. 94). 393 Seiten, EUR 39,90
  • 13 McRobbie Angela. Top Girls. Feminismus und der Aufstieg des neoliberalen Geschlechterregimes.. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften; 2010. (Reihe: Geschlecht und Gesellschaft, Bd. 44). 227 Seiten, EUR 24,95
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