Klinikarzt 2010; 39(11): 481
DOI: 10.1055/s-0030-1270220
Editorial

© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Medizin ist kein Geschäft

Today is the tomorrow you worried about yesterday.(Mark Twain)Günther J. Wiedemann
Further Information

Publication History

Publication Date:
29 November 2010 (online)

Gut gemeint und gut getarnt ist er eingeschlichen in das deutsche Medizinvokabular: der Kunde im Gesundheitsbusiness. Ein Begriff aus dem Geschäftsleben, der zwar im Medizinbetrieb nicht genau definiert ist, aber doch wohl nahe legt, dass der Kunde entscheidet. Er kauft etwas. Mit seinem Geld. Oder nicht? Sachkundig ist er ja. Oder? Längst wird vermutet, dass kundenfreundliches Verhalten sich für Ärzte und Klinikmanager lohnt. Untersuchungen darüber, wie man gute, sprich lukrative Kunden anlockt und hält, und schlechte Kunden profitabler, aber schlechter behandelt („quicker but sicker“) gibt es im angelsächsischen Ausland viele.

Wenn Ärzte in Deutschland mehr und mehr Kundenwünsche und Businesspläne bedienen – wie viele vermuten, aber niemand genau weiß – ist eine Fehlentwicklung in unserem Gesundheitssystem zu befürchten. Zum Beispiel führt der Verzicht auf eine essenzielle Lebensstiländerung zugunsten nicht immer effektiver Medikamente oder operativer Eingriffe (solche Situationen sind ja nicht selten) nicht zu einer Win-win-Situation von Arzt und Patient, aber zweifellos zu einem konfliktärmeren Arzt-Patient-Verhältnis. Hüftgelenksendoprothesen bei adipösen Patienten beispielsweise bringen deutlich geringere Erfolgsaussichten mit sich als bei Normalgewichtigen. Angesichts knapper Ressourcen entschied der britische East Suffolk Health Trust kürzlich, dass in seinem Einzugsbereich stark übergewichtige Patienten keine Hüft- und Kniegelenksendoprothesen mehr erhalten. Zu radikal? Wer entscheidet über ein Therapieangebot, wenn Publikumsmedien und ärztliche Leitlinienkommissionen unterschiedlicher Meinung sind und das Management einer Klinik beispielsweise Endoprothesen für ein einträgliches Geschäft („cash cow“) hält? Tatsache ist: Patienten fragen Leistungen nach, deren Sinnhaftigkeit sie nicht einschätzen können, irgendjemand (Klinikbetreiber, Pharmahersteller, bestimmte Ärzte) profitiert von dieser Nachfrage (oder erzeugt sie gar selber) und die Zeche zahlen wir alle.

Prof. Dr. med. Günther J. Wiedemann

Ravensburg