ZWR - Das Deutsche Zahnärzteblatt 2010; 119(11): 593
DOI: 10.1055/s-0030-1270285
Buchrezension

© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Lokalanästhesie, Regionalanästhesie, Regionale Schmerztherapie

H. van Aken, H. Wulf, Lothar Taubenheim
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Publication Date:
03 December 2010 (online)

Im Vorwort zur 3. Auflage des im Thieme-Verlag erschienen Fachbuchs „Lokalanästhesie, Regionalanästhesie, Regionale Schmerztherapie“ schreiben Hugo van Aken und Hinnerk Wulf, dass „die vielen Neuerungen seit 2002 eine Aktualisierung erforderlich machen“. Bei einem Fachbuch mit hohem wissenschaftlichen Anspruch erwartet der interessierte Fachleser, in der Regel ein anwendender Arzt oder Zahnarzt oder ein Studierender der Medizin oder der Zahnheilkunde, auf 700 Seiten sowohl die gesicherte und praktizierte Basis – im vorliegenden Falle der „Pain control“ – als auch den aktuellen evidenzbasierten Stand von Wissenschaft und klinischer Anwendung.

Das gesamte Spektrum „Schmerz und Schmerzausschaltung“ von Kopf bis Fuß komplett darzustellen ist – zugegeben – eine Herkulesaufgabe. Wer sich daran beteiligt, ist sich dieser Tatsache sicher bewusst und auch seiner Verantwortung für eine angemessene und ausgewogene Darstellung seines Teilaspekts.

Wenn man sich vor diesem Hintergrund die von den verschiedenen Autoren angegebene Literatur ansieht, dann stellt man eine sehr unterschiedliche Aktualisierung fest. Von 366 aufgeführten Publikationen bei der „Regionalanästhesie im Kindesalter“ sind 112 jünger als 10 Jahre. Im Teilaspekt Pharmakologie sind von insgesamt 186 Beiträgen 32 Publikationen angeführt, die ab dem Jahr 2000 veröffentlicht wurden; in der Augenheilkunde sind es 4 von 70, im Hals-Nasen-Ohren-Bereich 6 von 43 und im Bereich der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (3 Dissertationen ausgeklammert) insgesamt 3 von 78. Bei genauer Betrachtung fehlen zur Schmerzausschaltung in der Zahnheilkunde vor allem die Publikationen der Studienergebnisse diverser Vergleichsstudien der heute weitgehend praktizierten Lokalanästhesie-Methoden und der angewandten Injektionssysteme. Dass Standard-Lehrbücher, wie das von Schwenzer und Ehrenfeld aus dem Jahre 2002, fehlen, dafür aber der Vorgänger von Schwenzer und Grimm aus dem Jahre 1981 aufgeführt ist, spricht nicht für eine Aktualisierung und eine Integration der in den letzten 10 Jahren gewonnenen Erkenntnisse in dem ZMK-Fachteil.

Die sehr ausführlich beschriebenen und in verständlichen Bildern gezeigten anatomischen Gegebenheiten machen die nervale Versorgung der Kopf- und Halsregion gut verständlich. Auf 3 Seiten wird die Infiltrationsanästhesie und auf 14 Seiten die Leitungsanästhesie beschrieben. Die intraligamentäre Anästhesie wird auf 1 Seite angesprochen, wobei nicht klar wird, wo die Basis der gemachten Aussagen in der weiterführenden Literatur zu finden ist, z. B. dass für einen 1-wurzeligen Zahn 2 Injektionen à 0,2 oder 0,3 ml Anästhetikum distal und mesial appliziert werden (sollen) und eine Lokalanästhesie-Lösung entweder mit reduziertem oder ohne vasokonstriktorischem Zusatz zur Applikation kommen sollte. Für den interessierten Neuanwender wäre sicherlich auch von großem Interesse, dass nur mit dieser Methode eine sichere Differenzialdiagnose von irradiierende Schmerzen verursachenden Zähnen möglich ist.

Die Risiken vor allem der Leitungsanästhesie werden sehr detailliert angesprochen. Dass die meisten durch intraligamentale Applikation von Anästhetikum vermieden werden können und die Belastungen für den Patienten signifikant geringer sind als bei den konventionellen Lokalanästhesiemethoden, wurde allerdings erst in den letzten 10 Jahren publiziert und ist nicht in das Kapitel 17 integriert.

Im Kapitel 3 – Pharmakologie der Lokalanästhesie – werden weitgehend alle in den letzten 100 Jahren entwickelten Substanzen dargestellt, auch die jüngsten Articain, Etidocain und Ropivacain. Warum aber Articain – die in der Zahnheilkunde zumindest in Deutschland am meisten applizierte Substanz – bei den Kenndaten fehlt, ist eine offene Frage. Schade, sonst käme dieses Lokalanästhetikum auch noch bei anderen regionalen Anwendungen und nicht nur im oralen Bereich, sondern möglicherweise auch im Hals-Nasen-Ohren-Bereich zur Geltung.

Mit Sicherheit ist in der überarbeiteten 3. Auflage der „Lokalanästhesie, Regionalanästhesie, Regionale Schmerztherapie“ ein fast nicht mehr zu überschauendes Wissen zusammengetragen worden. Dieses voluminöse Werk ergänzt bestimmt gut die Bibliothek eines jeden Facharztes.

Abb. 1

  • 1 van Aken H., Wulf H.. Lokalanästhesie, Regionalanästhesie, Regionale Schmerztherapie. 3. vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage Stuttgart: Thieme Verlag KG; 2010

Lothar Taubenheim

Erkrath

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