Inf Orthod Kieferorthop 2011; 43(03): 205-215
DOI: 10.1055/s-0031-1286257
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Zur Methodik der Alveolarfortsatzdistraktion im Unterkiefer-Seitzahnbereich vor implantologischer dentaler Rehabilitation

A Technique of Alveolar Distraction of the Posterior Mandible for Dental Implant PlacementW. Goriwoda1, B. Norer1, D. Steinmüller-Nethl2, M. Rasse1
  • 1Medizinische Universität Innsbruck, Universitätsklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, Innsbruck, Österreich
  • 2rhoBeSt coating GmbH, Innsbruck, Österreich
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Publication Date:
18 October 2011 (online)

Zusammenfassung

Studienziel:

Die Autoren postulieren die Differenzierung des Distraktionsprotokolls für die jeweilige Region des zu distrahierenden Alveolarfortsatzes, das heißt Oberkiefer-Frontzahn­bereich, Oberkiefer-Seitzahnbereich, Unterkiefer-Frontzahnbereich und Unterkiefer-Seitzahn­bereich. Diese Studie beschreibt eine Methodik der Alveolarfortsatzdistraktion ausschließlich für den Seitzahnbereich des Unterkiefers.

Methode:

Es wurden 40 Alveolarfortsatzdistraktionen des Unterkiefer-Seitzahnbereiches retrospektiv untersucht. Das durchschnittliche Distraktionsprotokoll hielt eine Latenzphase von 8 Tagen nach Einbringen des Distraktors ein, gefolgt von der Distraktionsphase mit einer Rate von 0,65 mm/Tag. Der Distraktor blieb für eine durchschnittliche sekundäre Latenzphase von 6,7 Monaten in situ und stabilisierte über diese Zeit den neu geschaffenen Knochen. Die komplette durchschnittliche Konsolidierungsphase betrug zum Zeitpunkt des Setzens dentaler Implantate und somit nach Ablauf der tertiären Latenzphase 10,5 Monate.

Die untersuchten Fälle wurden klinisch und radiologisch retrospektiv untersucht. Die Komplikationen innerhalb der Distraktionsphasen wurden entsprechend in chirurgische, technische und klinische unterteilt. Morphometrische standardisierte Messungen zur Untersuchung der neu geschaffenen Knochenhöhe erfolgten an Panoramakontrollröntgenaufnahmen.

Ergebnisse:

Der durchschnittliche Gewinn an Knochenhöhe vor Implantation betrug 7,3 mm. Mit der Distraktion alleine wurde in allen untersuchten Fällen genügend vertikale Knochenhöhe erzeugt. Das horizontale Knochenvolumen jedoch war in 20% aller Fälle insuffizient und machte eine sekundäre Augmentation zum Zeitpunkt der dentalen Implantation erforderlich.

Die Komplikationsrate bis zum Zeitpunkt der Insertion dentaler Implantate nach durchschnittlich 11,3 Monaten betrug 77% – chirurgische, technische und klinische Komplikationen beinhaltend. Über den gesamten Heilungsverlauf waren lokale Entzündungsreaktionen mit 50% hauptausschlaggebend. Umgekehrt könnte man hervorheben, dass 23% aller Patienten einen völlig komplikationslosen Verlauf zeigten.

Die Statistik konnte keinerlei Korrelation zwischen einer abgelaufenen Entzündung und der Quantität neu geschaffenen Knochens zeigen. Die durchgeführte Morphometrie anhand Panoramakontrollröntgen errechnete keinen Knochenverlust in den mittleren Anteilen der transportierten Knochensegmente über die Dauer der sekundären Latenzphase. Lediglich die lateralen Anteile der transportierten Knochensegmente wiesen Resorp­tionszeichen aufgrund physiologischer Knochenremodellierung auf. Nach der sekundären Latenzphase von 6,7 Monaten zeigten alle Panoramakontrollröntgenaufnahmen noch immer unterschiedlich stark ausgeprägte transluzente Areale innerhalb der Distraktionsspalten.

Schlussfolgerung:

Die Ergebnisse der vorliegenden Studie schlagen für den Unterkiefer-Seitzahnbereich eine eher langsame Distraktionsrate von 0,6 mm/Tag oder geringer vor. Eine ausgedehnte sekundäre Latenzphase (mit dem Distraktor als Stütze in situ verbleibend) von mindestens 5 Monaten scheint mehr als günstig. Eine tertiäre Latenzphase von 1,5 Monaten wird vorgeschlagen, um die Weichgewebssituation aber auch die Knochenqualität zum Zeitpunkt der dentalen Implantation zu verbessern.

Entzündungsreaktionen waren leicht zu behandeln und hatten keinen Einfluss auf die neu geschaffene Knochenhöhe. Ungeachtet aller Komplikationen konnte mit der alleinigen Distraktion bei beschriebenem Protokoll in 80% aller Fälle genügend Knochen für eine sichere primärstabile dentale Implantation geschaffen werden.

Abstract

Purpose:

Distraction protocols are recommended to be adapted to the various regions of the alveolar process, i. e. anterior maxilla, posterior maxilla, anterior mandible, and posterior mandible. This superior conformity would make comparisons and conclusions of clinical studies more relevant, resulting in a higher level of treatment care. The present study sets its focus on vertical alveolar distraction of the posterior mandible, exclusively.

Patients and Methods:

40 cases of vertical alveolar distraction of the posterior mandible are presented. An extra-osseous distraction device was utilized in the present study. A mean primary latency period of 8 days was adhered to. Distraction was performed at a mean rate of 0.65 mm/day. Distractor devices were left in situ for 6.7 months (mean secondary latency period) to stabilize the regenerate chamber. The complete mean consolidation period was 10.5 months before dental implants were inserted. Evaluation was performed clinically and radiologically.

Results:

The average gain in bone height was 7.3 mm. In all cases sufficient vertical bone height was produced by distraction alone. 20% of all cases showed insufficient transversal bone volume and secondary augmentation became necessary. The total amount of all complications (including surgical and post-surgical) was 77% forthright. 50% of all cases exhibited inflammatory conditions over the healing period of 10.5 months. Statistics revealed no correlation between inflammation and clinical outcome. Morphometry of panoramic radiographs detected no decrease in bone height of the middle portions of transported bone segments during the secondary latency period. After the secondary latency period of 6.7 months all panoramic radiographs still showed translucent areas within the distraction gap.

Conclusion:

Our results demand for distraction rates of 0.6mm/d or preferably lower in the posterior mandible. A pro­longed secondary latency period of at least 5 months without prior retrieval of the distractor device seems favourable. A second stage implant surgery further improves osseous and soft tissue conditions. Complications caused by surgery or failure of utilized extra-osseous distraction devices were negligible for the treatment outcome. Inflammatory conditions were easily manageable. The distraction process alone following our proposed protocol produced sufficient bone for insertion of dental implants in 80%, regardless of the total amount of complications.