Gesundheitswesen 2012; 74(11): 722-735
DOI: 10.1055/s-0031-1286271
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Früherkennung von Brust- und Gebärmutterhalskrebs – ein systematischer Review zu Wissen, Einstellungen und Inanspruchnahmeverhalten der Frauen in Deutschland

Mammography and Cervical Cancer Screening – A Systematic Review about Women’s Knowledge, Attitudes and Participation in Germany
M. Dreier
1   Institut für Epidemiologie, Sozialmedizin und Gesundheitssystemforschung, Medizinische Hochschule Hannover
,
B. Borutta
1   Institut für Epidemiologie, Sozialmedizin und Gesundheitssystemforschung, Medizinische Hochschule Hannover
,
J. Töppich
2   Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)
,
E. M. Bitzer
3   Institut für Alltagskultur, Bewegung und Gesundheit, Pädagogische Hochschule Freiburg
,
U. Walter
1   Institut für Epidemiologie, Sozialmedizin und Gesundheitssystemforschung, Medizinische Hochschule Hannover
› Institutsangaben
Weitere Informationen

Publikationsverlauf

Publikationsdatum:
19. Oktober 2011 (online)

Zusammenfassung

Einleitung:

Im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung stehen Frauen in Deutschland Untersuchungen zur Früherkennung auf Gebärmutterhals- und Brustkrebs zur Verfügung. Ziel dieser Studie ist es, Wissen, Einstellungen und Inanspruchnahmeverhalten sowie deren Einflussfaktoren in der Population der anspruchsberechtigten Frauen zu untersuchen.

Methodik:

Es wurde eine systematische Literaturrecherche in Medline und weiteren deutsch- und englischsprachigen Datenbanken nach Publikationen aus dem Zeitraum 2000–2010 durchgeführt, ergänzt um eine Internetrecherche. Die Datenextraktion und Qualitätsbewertung der Studien erfolgte durch 2 unabhängige Reviewer. Die Datensynthese war qualitativ.

Ergebnisse:

Es wurden 12 Studien zum Mammografie- und Zervixkarzinom-Screening identifiziert, die zeigen, dass der Anspruch auf die jeweilige Früherkennungsuntersuchung den meisten Frauen bekannt ist. Für Brustkrebs werden typische Risikofaktoren von der Mehrheit der Frauen benannt, während dies beim Zervixkarzinom nicht gelingt und die Frauen sich diesbezüglich auch schlecht informiert fühlen. Deutliche Wissensdefizite existieren bezüglich des Nutzens der Früherkennung und der Häufigkeit von falsch-positiven bzw. falsch-negativen Befunden bei der Mammografie. Die Inanspruchnahme des organisierten Mammografie-Screenings in Deutschland lag 2007 bei 54% aller eingeladenen Frauen und wies große Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern auf. Es gibt Hinweise, dass Frauen mit höherer Bildung oder privater Krankenversicherung eher nicht am Screening teilnehmen; jedoch lässt ein Drittel der Nichtteilnehmerinnen außerhalb des Programms eine Mammografie durchführen. Die Daten zur Inanspruchnahme des Pap-Tests sind inkonsistent: Es gibt Hinweise, dass jüngere Frauen, verheiratete Frauen sowie Frauen mit höherer Bildung häufiger am Screening teilnehmen.

Schlussfolgerungen:

Die zum Teil gravierenden Wissensdefizite zeigen die Notwendigkeit, Informationen zu Zielen, Nutzen und Risiken von Früherkennungsuntersuchungen zu optimieren und entsprechend zu kommunizieren, um Frauen zu einer informierten Entscheidung zu befähigen. Erstrebenswert wäre ein systematisches, verfahrensspezifisches Monitoring von Wissen über und Inanspruchnahme von Früherkennungsuntersuchungen sowie möglichen Einflussfaktoren als Basis für zielgruppenspezifische Informationsstrategien.

Abstract

Introduction:

In the German statutory health insurance system, women can take part in free mammography and cervical cancer screening. The aim of this study is to investigate women’s knowledge of, attitudes to and participation in these screening measures as well as the determinants of eligible women living in Germany.

Methods:

We conducted a systematic literature search, supplemented by an Internet search, of Medline and other German and English databases for the period 2000–2010. Data extraction and quality assessment were carried out by 2 independent reviewers. Data synthesis was qualitative.

Results:

We identified 12 studies on mammography and cervical cancer screening. Most women were found to be aware of the option of free screening. The majority of women were able to name risk factors for breast cancer correctly. This was not the case in cervical cancer, where women said they were insufficiently informed. To a significant extent, they were also uninformed about the benefits of screening and incidence of false-positive and false-negative test results in mammography. In 2007, 54% of the invited women took part in the organised mammography screening program with large variations in participation rate among the Federal states. It appears that better educated women or those with a private health insurance participate in the programme less frequently. However, one third of the non-participants attend a mammography outside the screening program. Data for participation in cervical cancer screening are inconsistent. There is some evidence that younger women, married women and those with higher education are more likely to participate in the screening.

Conclusions:

The interviewees’ substantial lack of knowledge underscores the need for optimising communication on the aims, benefits and risks of screening tests to enable women to make an informed decision. It is desirable to continuously monitor women’s knowledge about and participation in screening and determinants thereof with a view to laying the foundations for target group-specific information strategies.