Pädiatrie up2date 2012; 7(01): 15-35
DOI: 10.1055/s-0031-1291877
Sozialpädiatrie
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Stottern – eine kompensierbare Redeflussstörung

Cornelia Tigges-Zuzok
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Publication Date:
12 April 2012 (online)

Einleitung

Das vielschichtige Phänomen des Stotterns mit allen seinen Ausprägungs- und Verursachungsformen wird von keiner Definition vollständig erfasst. Ebenso wenig existiert eine bestimmte Stotterer-Persönlichkeit oder eine Therapiemethode, die nach der Wunschvorstellung betroffener Patienten und Eltern das Stottern „an der Wurzel packt und ausmerzt“ (Abb. [1]). Stottern kann ohne ersichtlichen Grund auftauchen und ohne Therapie wieder verschwinden. Es ist ein unberechenbares Phänomen, sodass es der Kreativität und Empathie des Therapeuten überlassen bleibt, welche Methode oder Methodenvielfalt für die stotternde Persönlichkeit in seinem individuellen Lebensumfeld und in einem bestimmten Lebensalter greift oder hilfreich ist.

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Abb. 1 Keine Lösungen von der Stange – ebenso vielfältig wie die Erscheinungsformen des Stotterns können die Ansätze zur Therapie sein. Quelle: Fotolia.

Stottern umgibt trotz ernsthafter wissenschaftlicher Erklärungsversuche eine Aura des Geheimnisvollen, zeigt doch die langjährige Erfahrung, „dass es vermutlich keine Einzelmethode gibt, auch wenn sie noch so unorthodox oder skurril anmutet, mit der im Einzelfall nicht tatsächlich eine positive Veränderung der Störung herbeigeführt werden könnte, was durch den z. T. sehr hohen suggestiven und therapeutenspezifischen Wirkfaktor von Therapiemethoden erklärt werden kann“ [1] – oder durch glückliche Veränderung der Lebensumstände hervorgerufen wird. So kann es z. B. die Wohlfühlsituation des Kindes beim Bügeln der Mutter, beim Rollenspiel, die zunehmende Sprechsicherheit unter neuen Freunden oder der Weg über die Schriftsprache, der Wechsel zum Gymnasium, der Einstieg in den Wunschberuf, eine neue Liebe, oder auch die wie Balsam wirkende Zeit sein, die belastende Ereignisse (z. B. die Scheidung der Eltern) langsam durch neue positive Erlebnisse in den Hintergrund treten lässt.