Lege artis - Das Magazin zur ärztlichen Weiterbildung 2012; 2(1): 20-27
DOI: 10.1055/s-0032-1302471
Fachwissen
Titelthema: Aggressive und gewalttätige Patienten
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Aggressive und gewalttätige Patienten – Risikoabschätzung und Krisenmanagement

Thomas Messer
,
Roberto D'Amelio
,
Frank-Gerald B Pajonk
Further Information

Publication History

Publication Date:
07 February 2012 (online)

Zusammenfassung

Aggression und Gewalt gegen Ärzte kommen auch bei psychiatrischen Patienten und insbesondere unter Einfluss von Alkohol und/oder Drogen vor. Erregung und Aggression durchlaufen dabei definierte Stadien, die zur Gefahreneinschätzung hilfreich sein können. Der Arzt sollte versuchen, die Ursache für Aggression und Gewalttätigkeit zu finden und sollte dabei aber zuerst auf seine eigene Sicherheit achten. Ist eine verbale Deeskalation nicht erfolgreich, kommt eine medikamentöse Behandlung mit Benzodiazepinen oder Antipsychotika in Betracht.

Kernaussagen

  • Aggression ist bei psychiatrischen Patienten häufig zu finden, Gewalttätigkeit gegen Ärzte ist gar nicht so selten.

  • Rechnen Sie im Einsatz auch mit Aggression durch Angehörige und achten Sie auf im Vorfeld stattgefundene Gewalttätigkeit.

  • Unmittelbar nach Eintreffen am Einsatzort müssen Sie beurteilen, ob vom Patienten oder dessen sozialem Umfeld eine Gefährdung ausgeht und wie hoch diese ist.

  • Von einem erhöhten Maß an Gewaltbereitschaft müssen Sie v. a. ausgehen

  • bei der Kombination von Substanzmittelabusus oder akuter Intoxikation

  • mit einer psychiatrischen Erkrankung.

  • Erregung und Aggression durchlaufen Stadien. Kennt man deren Ablauf, kann man besser und effektiver intervenieren.

  • Falls ein Gespräch möglich ist: Suchen Sie nach der Ursache von Aggression und Gewalttätigkeit. Am besten versuchen Sie dabei, die Perspektive des Patienten einzunehmen. Oft beruhigt es ihn, wenn der Arzt eine Lösung für das aggressionsauslösende Problem anbietet.

  • Für das diagnostische Gespräch empfiehlt sich meist eine ”reizabgeschirmte“ Umgebung, z. B. ein separater Raum.

  • Sicherheit geht vor – auch die eigene!

    • Treten Sie aggressiven Patienten nie allein gegenüber,

    • halten Sie zunächst einen ausreichenden Abstand ein,

    • entfernen Sie alle Gegenstände, die sich als Waffe eignen,

    • lassen Sie sich einen Fluchtweg offen und

    • ziehen Sie frühzeitig Ordnungskräfte hinzu.

  • Sollten Deeskalation und Krisenintervention nicht erfolgreich sein, ist ein entschlossenes und koordiniertes Vorgehen erforderlich.

  • Häufig kann man den Patienten erst durch eine geeignete psychopharmakologische Intervention (”rapid Tranquilisation“) beruhigen.

Ergänzendes Material