PSYCH up2date 2012; 6(06): 333-344
DOI: 10.1055/s-0032-1305194
Organische psychische Störungen
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Das Tourette-Syndrom – mehr als „nur“ Tics

Sebastian Vocke
,
Irene Neuner
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Publikationsverlauf

Publikationsdatum:
05. September 2012 (online)

Kernaussagen

Das Tourette-Syndrom ist mit einer Prävalenz von etwa 1 % eine häufige neuropsychiatrische Erkrankung. Die Diagnose wird klinisch gestellt. Nach der ICD-10-Klassifikation müssen mehrere motorische und mindestens ein vokaler Tic für die Dauer von wenigstens einem Jahr vorliegen. Einfache motorische Tics gehen phonetischen Tics häufig voraus. Neben einfachen können auch komplexe motorische oder vokale Tics bestehen. Die klinische Symptomatik ist ferner geprägt durch Fluktuationen, eine transiente Unterdrückbarkeit der Tics sowie vielfach ein sensorisches Vorgefühl. In der Mehrzahl der Fälle liegt der Erkrankungsbeginn zwischen dem 3. und 8. Lebensjahr. Bei ein bis zwei Dritteln der Fälle verliert sich die Symptomatik vor dem Erreichen des Erwachsenenalters. Komorbide psychiatrische Störungen sind beim Tourette-Syndrom häufig. In erster Linie sind hier das ADHS, v. a. im Kindes- und Jugendalter sowie Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen zu nennen. Als wesentliches pathophysiologisches Substrat wird eine Störung des kortiko-striato-thalamo-kortikalen Kreislaufes angenommen. Die Therapie basiert auf der Psychoedukation, psychotherapeutischen Interventionen sowie der Pharmakotherapie. Die einzige in Deutschland zugelassene Substanz, Haloperidol, ist nicht mehr Mittel der 1. Wahl. Empfohlen werden der Einsatz von Tiapridex, Sulpirid, Risperidon sowie Aripiprazol. Bei therapierefraktären Verläufen kann die tiefe Hirnstimulation erwogen werden.