Z Phytother 2013; 34(03): 143-144
DOI: 10.1055/s-0032-1331491
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Wie giftig sind Kreuzkraut- (Greiskraut-) bzw. Senecio-Arten wirklich?

Heinz Schilcher
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Publication Date:
05 July 2013 (online)

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Unterschiedlich gewichtete und z.T. inkompetente Berichterstattungen wie z.B.: »Giftpflanze – tragischer Tod eines Landwirtes erstaunt Experten«, »Bauer stirbt an hochgiftiger Pflanze«, »Hochgiftiges Kreuzkraut war Ursache für den Tod des im Juni verstorbenen Landwirtes« oder »Verwechslung des für Mensch und Tier ungiftigen Butzastengelchens« (Wiesen-Pippau, Crepis biennis) oder »Neue Theorie zum Gift-Todesfall« u.a. sorgten für eine ziemliche Verunsicherung der Bevölkerung, insbesondere bei den Landwirten. Besondere Besorgnis erregte die unsachgemäße Empfehlung des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Kempten, wonach die Landwirte wegen der angeblich hohen Giftigkeit der Kreuzkräuter beim Herausreißen der Pflanzen Handschuhe anziehen und Kinder keine Blumensträuße pflücken sollten. Diese Empfehlung erfolgte in Unkenntnis der Tatsache, dass die in der Pflanze genuin vorhandenen Alkaloide zunächst untoxisch sind, über die Haut kaum resorbiert und erst in der Leber zu den stark toxischen und kanzerogen wirksamen Pyrrolderivaten umgewandelt werden (Info).

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Trotz Pyrrolizidinalkaloiden: Das Fuchskreuzkraut (Senecio nemorensis subsp. fuchsii) wurde in der Volksmedizin als blutstillendes Mittel verwendet.
© Selso

Falsch ist, dass die in den Pflanzen vorhandenen Pyrrolizidinalkaloide (PA) a priori giftig sind. Die »Giftungsreaktion« erfolgt erst nach dem Verzehr, hauptsächlich (wenn auch nicht ausschließlich) in der Leber. Aus diesem Grund bezeichnet man die PA auch als »Lebergifte«.

Falsch ist auch, dass von den rund 260 PA alle gleich giftig sind. Toxisch sind ca. 100 PA mit ganz speziellen Strukturmerkmalen, auf die hier nicht näher eingegangen werden soll. Dies macht auch verständlich, warum in den Naturheilverfahren bis 1998 das Fuchskreuzkraut (Senecio nemorensis ssp. fuchsii) als Arzneimittel gegen Schleimhaut- und Nasenbluten sowie bei verstärkter Menstruationsblutung eingesetzt wurde. Auch wenn hierbei keine unerwünschten Nebenwirkungen beobachtet werden konnten, wurde aus prinzipiellen Sicherheitsgründen das entsprechende Präparat Senecionin® vom BfArM aus dem Verkehr gezogen. Unter den im Allgäu vorkommenden 9 Kreuzkraut-Arten (insgesamt existieren in unseren Breiten 46 Senecio- Arten) findet sich auch das Fuchskreuzkraut relativ häufig (Abb. 1).

Falsch ist, dass es sich bei der Todesursache des verstorbenen Landwirtes um eine akute PA-Vergiftung durch Kreuzkraut gehandelt hat, trotz des Nachweises der PA-Metaboliten in der Leber. Um welche Metaboliten es sich dabei gehandelt hat (ungesättigte oder gesättigte Necine, die für die Vergiftungsreaktion entscheidend sind), konnte im Pharmazeutischen Institut in Bonn in dem untersuchten Material (Leber des Verstorbenen) nicht nachgewiesen werden. Somit war eine exakte Identifizierung der von dem Landwirt konsumierten Senecio-Art nicht möglich. Da eine akute Vergiftung mit einer europäischen Kreuzkraut- Art bislang noch nicht vorgekommen ist, kann man nur einen Vergleich von PA-Vergiftungen bei Pferden, Rindern und Schafen heranziehen. Danach hätte der Bauer ca. 4–5 kg Kreuzkrautblätter samt den Blüten verzehren müssen.

Richtig ist sicherlich, dass die in der Leber des Toten vorgefundenen PA-Metaboliten mit dazu beigetragen haben, dass durch das Verspeisen eines Kreuzkrautes (möglicherweise waren es die Blätter des Frühlingsgreiskrautes [Senecio vernalis] mit einem relativ hohen PA-Gehalt) eine idiosynkratische Reaktion mit einem Multiorganversagen ausgelöst worden ist. Alles spricht dafür. So war in einer Zeitungsberichterstattung zu lesen, dass der Landwirt an einem Multiorganversagen gestorben ist und nicht an den aus Tierversuchen bekannten typischen PA-Vergiftungsschäden wie die Schädigung der Leberinnenvenen (Venae hepaticae), die zur »Lebervenenverschlusskrankheit « führen kann, und aus denen letztlich auch Leberkrebs entstehen kann.

Die idiosynkratische Reaktion ist eine nichtimmunologische Überempfindlichkeit gegenüber Stoffen, ohne Bezug zur pharmakologischen Toxizität, d.h. die Stoffe müssen nicht in letalen Dosen in der Leber oder im Fettgewebe vorliegen, um Organausfälle zu bewirken. Es ist zu vermuten, dass der Landwirt schon über längere Zeit PA-haltige Lebensmittel, wie z.B. PAhaltigen Honig, Borretschblätter und -blüten, Beinwellblätter als Spinatersatz sowie Huflattichblätter und -blüten oder (damit verwechselte) Pestwurzblätter als Hustentee und weitere PA-haltige Pflanzen eingenommen hat. Schließlich sind PA in ca. 350 Pflanzenarten gefunden worden.

Richtig ist sicherlich auch, dass es bei einer chronischen Einnahme von PA-haltigen Pflanzen zu einer Schädigung der zentralen Läppchenzellen kommen kann, die in der Folge in großer Zahl zugrunde gehen und zu einem partiellen Verschluss der Lebervenen führen können und letzten Endes auch ein Leberkrebs entstehen kann. Aus toxikologischen Tierstudien weiß man, dass für eine akute PA-Vergiftung ein 100 kg schweres Tier ca. 60 kg Jakobskreuzkraut (samt den Blüten) fressen müsste. Mit Ausnahme der Szegeder Pferdevergiftung passiert dies bei Weidetieren i.d.R. nicht, weil den Tieren der unangenehm bittere Geschmack missfällt. Jungtiere (Tschumpen) lernen sehr schnell, das Kreuzkraut zu meiden.

Richtig ist die Empfehlung des Amtes für Ernährung, Landwirtschaftlich und Forsten in Kempten, dass vor einer Heumahd oder bei der Vorbereitung eines Silagefutters sämtliche blühenden Kreuzkräuter – egal welcher Art – entweder durch Herausreißen oder durch Abbrennen entfernt werden müssen. Den empfohlenen Einsatz von Herbiziden halte ich auf unseren Bergwiesen für nicht angebracht. Bei einem Anteil von über 1% Kreuzkraut im Heu oder im Silagefutter kann es nach ca. 3 Monaten zu Lebererkrankungen der Tiere kommen, was leider vorgekommen ist. Nicht außer Acht lassen darf man, dass PA in die Milch übergehen!

Dringendst anzuraten wäre, dass die Straßenbauämter zur Begrünung der StraßenundWegränder künftig auf die Aussaat von Kreuzkraut verzichten, zumal die Sachverständigenkommission E beim damaligen Bundesgesundheitsamt bereits 1994 auf die schnelle Verbreitung der anspruchslosen Senecio-Arten (auch auf die angrenzenden Bergwiesen) hingewiesen hat. Ohne Erfolg, wie man sieht!

INFO

Große Vorsicht ist dagegen beim Pflücken des Blauen Eisenhutes oder Sturmhutes (Aconitum napellus) geboten, da das in der gesamten Pflanze enthaltene Alkaloid Aconitin eines der stärksten Pflanzengifte darstellt, das auch über die Haut in den Körper aufgenommen wird und ohne weitere Umwandlung zu Herzversagen und Atemlähmung führen kann.

Kontrovers diskutieren kann man die Forderung der europäischen HMPC-Kommission (Committee on Herbal Medicinal Products) bei der EMA (European Medicines Agency) in London, die für PA-haltige Pflanzen und Pflanzenzubereitungen eine Nulltoleranz vorschlägt, weil der exakte Schwellenwert für die Entstehung eines Leberkrebses durch die rund 100 toxischen PA mit einer Doppelbindung in der 1,2- Stellung des Pyrrolizidinringes noch unbekannt ist. Bei allem Verständnis für ein theoretisch mögliches Krebsrisiko sollte man die jahrhundertelange Erfahrung mit PA-haltigen Pflanzen wie z.B. Borretsch (einem wesentlichen Anteil der berühmten Frankfurter »Grünen Soße«), Huflattichblätter und -blüten als Hustentee oder Beinwellblätter zu Umschlägen nicht außer Acht lassen. Nach Anhörung mehrerer PAExperten gestattet die Monografie der Kommission E zur äußeren Anwendung in Salben und Pasten 100 μg PA pro Tag und 1 μg PA zur innerlichen Anwendung, ohne dass dabei bislang unerwünschte Nebenwirkungen entdeckt worden sind. Bei allen Risikoabschätzungen sollte man »das Kind nicht mit dem Bade ausschütten«.

Bei den nicht akademischen »Kräuterexperten « und »Kräuterhexen« macht man sich zu wenig Gedanken über Pyrrolizidinalkaloide, wie eine Empfehlung der sehr prominenten »Kräuterexpertin« Frau Susanne Fischer-Rizzi zeigt, die vorschlägt, Schafskäse in Huflattichblätter einzuwickeln und darin zu erwärmen (!) weil Huflattichblätter die »Alufolie derNatur« seien. Umgekehrt hat das Deutsche Arzneibuch Huflattichblätter aus dem Sortiment der Monografien gestrichen. Bei risikobehafteten Arzneipflanzen sollten es keine derart unterschiedlichen Meinungen geben, d.h. auch die sog. »Kräuterexperten« müssen die Monografien der 5 Sachverständigenkommissionen zur Kenntnis nehmen.

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http://dx.doi.org/10.1055/s-0032-1331491