Klin Neurophysiol 2013; 44(03): 187-192
DOI: 10.1055/s-0033-1343473
Review
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Der „alte“ und der „neue“ Stellenwert der Evozierten Potenziale in der Diagnose und Prognose der Multiplen Sklerose

The “Old” and the “New” Status of Evoked Potentials in the Diagnosis and Prognosis of Multiple SclerosisH. Buchner1
  • 1Klinik für Neurologie und Klinische Neurophysiologie, Klinikum Vest GmbH, Behandlungszentrum, Knappschaftskrankenhaus, Recklinghausen
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Publication Date:
24 June 2013 (eFirst)

Zusammenfassung

Evozierte Potenziale (EP) erfassen sehr sensitiv Leitungsverlangsamungen in den zentralen Leitungsbahnen als Zeichen für eine Demyelinisierung. Sie können klinisch stumme Läsionen identifizieren, klinische Symptome bestätigen und zur Unterscheidung zwischen axonalen und demyelinisierenden Läsionen beitragen. Damit tragen EP zur frühen Diagnose und Therapie einer Multiplen Sklerose bei, speziell bei klinisch isolierten Symptomen. Dagegen ist der Wert der Evozierten Potenziale zur Vorhersage des Verlaufs der MS bisher unsicher. Viele aktuelle Studien zeigten signifikante Korrelationen zwischen den Ergebnissen einzelner oder kombinierter Modalitäten der Evozierten Potenziale und dem Expanded Disability Status Scale (EDSS) nach einem und bis zu 14 Jahren Krankheitsverlauf. Die Latenzen der somatosensorisch (SEP) und der magnetisch evozierten motorischen Potenziale (MEP) zur unteren Extremität sind dazu besonders geeignet. Ein niedriger Summenwert der multimodal Evozierten Potenziale zu Beginn der Erkrankung und keine oder nur eine geringe Verschlechterung des EDSS in den folgenden 2 Jahren gibt Anhalt auf eine günstige weitere Prognose. Leider sind die Ergebnisse teils heterogen, die Studien meist retrospektiv und basieren auf einer geringen Anzahl von Patienten mit unterschiedlichen Verlaufstypen der Multiplen Sklerose. In der Summe der aktuell zur Verfügung stehenden Studien gibt es zunehmende Belege für einen hohen Wert der multimodalen Evozierten Potenziale für die Prognose des Verlaufs der MS. Prospektive multizentrische Studien mit einer großen Fallzahl, homogenen Krankheitsverläufen, einer robusten Definition eines Summenwerts der multimodalen EP mit VEP, SEP und MEP, Daten aus MRT und weiteren Parametern über einen Beobachtungszeitraum von mindestens 3 Jahren sind erforderlich um die EP zur Prognose auch in klinischen Einzelfallentscheidungen einsetzen zu können. Die Evozierten Potenziale sind die einzige zur Verfügung stehende Methode, um die Funktion der Leitungsbahnen objektiv zu messen. Allein daraus begründet sich ihr weiterer klinischer Einsatz in der Diagnostik und Prognose der Multiplen Sklerose.

Abstract

Evoked potentials are established to be sensitive tools to detect demyelinisation along a central pathway by recording prolonged latencies. Thus, evoked potentials can detect clinically silent lesions, can verify weak symptoms and help to differentiate between axonal and demyelinating lesions. This potential is of special importance in the case of a clinically isolated syndrome where evoked potentials can help to make the diagnosis of multiple sclerosis at an early stage of the disease and provide the basis for early treatment. On the other hand, the potential of evoked potentials to predict the future disease course in MS is still under investigation. A number of current studies were able to demonstrate a meaningful correlation between abnormalities of single and combined evoked potentials with expanded disability status scale (EDSS) values after one up to 14 years duration of the disease. The latencies of somatosensory (SEP) and magnetic motor evoked potentials (MEP) to the lower extremities were most significant for this result. A low multimodal evoked potential score at the beginning of the disease and a modest worsening of the EDSS during the following 2 years seems to give an indication for a further good prognosis. Unfortunately, the results are heterogeneous, most of the studies were retrospective and on a limited number of patients with different subtypes of multiple sclerosis. There is convergent evidence on the prognostic potential of multimodal evoked potentials and, if confirmed in larger prospective studies, this would be of important therapeutic significance. Evoked potentials provide the only tool for objective quantitative information on the function of central pathways and this alone may be a reason for the re-emergence of their use in making a diagnosis and assessing the prognosis in multiple sclerosis.