Gesundheitswesen 2014; 76(10): 639-644
DOI: 10.1055/s-0033-1351239
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Gründe von Änderungen der medikamentösen Therapie nach Krankenhausentlassung – eine qualitative Studie aus Sichtweise von Hausärzten und Patienten

Reasons of Changes in Drug Therapy after Hospital Discharge – A Qualitative Study of Perception by General Practitioners and Patients
D. Gröber-Grätz
1   Institut für Allgemeinmedizin, Universität Ulm
,
U.-M. Waldmann
1   Institut für Allgemeinmedizin, Universität Ulm
,
U. Metzinger
2   Facharzt für Allgemeinmedizin, Friedrichshafen
,
P. Werkmeister
3   Fachärztin für Innere Medizin, Volkertshausen
,
M. Gulich
1   Institut für Allgemeinmedizin, Universität Ulm
,
H.-P. Zeitler
1   Institut für Allgemeinmedizin, Universität Ulm
› Author Affiliations
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Publication History

Publication Date:
19 February 2014 (online)

Zusammenfassung

Hintergrund:

Durch einen Krankenhausaufenthalt kommt es häufig zu einer Änderung der Medikation. Üblicherweise werden in einem „Entlassungsbrief“ die wesentlichen Ergebnisse des stationären Aufenthaltes sowie die weiteren Therapieempfehlungen zusammengefasst. Der Hausarzt entscheidet auf dieser Grundlage über das weitere Vorgehen unter Berücksichtigung individueller Aspekte seines Patienten. Ziel der Studie ist es, die Entwicklung der Medikation vom Therapievorschlag im Krankenhausentlassungsbrief über den Hausarzt bis hin zum Patienten nach­zuzeichnen und die Gründe/Einflussfaktoren für etwaige Änderungen oder auch Beibehalten der Medikation zu identifizieren.

Methoden:

Prospektive qualitative Studie mit konsekutiv ausgewählten Patienten, die mit neuer Dauermedikation nach einem stationären Aufenthalt von einer internistischen Station entlassen wurden. Semistrukturierte Interviews mit Patienten 4–6 Wochen nach Krankenhausentlassung. Daran anschließend wurden Interviews mit den behandelnden Hausärzten zum Stand der aktuellen Medikation durchgeführt. Die Interviews wurden elektronisch aufgezeichnet, nach der Konsensmethode ausgewertet und auf Veränderungen sowie Einflussfaktoren hin untersucht. Zur Aufdeckung von Diskrepanzen in der medikamentösen Therapie wurde der Entlassungsbrief in die Analyse mit aufgenommen.

Ergebnisse:

Insgesamt wurden mit 34 Patienten und deren Hausärzte leitfragengestützte Interviews durchgeführt. Medikationsänderungen traten gehäuft im Verlauf von Wochen nach Krankenhausentlassung auf. Die medikamentöse Therapieempfehlung wurde von den Hausärzten aus unterschiedlichen medizinischen und nichtmedizinischen Gründen geändert. Als nichtmedizinische Gründe konnten ökonomische, gesundheitspolitische Zwänge, aber auch die persönliche Überzeugung oder eine Non-Adhärenz des Patienten identifiziert werden. Begründungen für eine Änderung der Medikation durch den Patienten waren, wenn Zweifel an der Notwendigkeit der Einnahme des Medikamentes, Unverträglichkeiten, aber auch Ängste und eine unzureichende Aufklärung über ein Medikament.

Schlussfolgerung:

Die erhobenen Daten zeigen auf, dass der Übergang von der stationären zur ambulanten Betretung eine empfindliche Schnittstelle in der Patientenversorgung darstellt. Die Daten erlauben keine quantitative Schätzung der Größenordnung des Phänomens. In dieser Studie werden die Gründe für die Modifikation der Medikation aufgezeigt. Diese Erkenntnisse können als Grundlage für weitere Untersuchungen oder die Entwicklung von Intervention zur Vermeidung unerwünschter Medikationsänderungen dienen.

Abstract

Background:

After discharge from hospital there is often change of medication regimen. Usually, the main results of the inpatient stay and the subsequent treatment recommendations are summarised in a “discharge letter”. Based on this, the general practitioner decides on how to proceed taking the individual aspects of his/her pa­tient into consideration. The aim of the study is to trace changes of medication and suggested therapy in the discharge letter, from the GP through to the patient and the reasons/influencing factors for any changes in medication undertaken or retained.

Methods:

A prospective qualitative study with successively selected patients, who were put on a new long-term medication, at discharge after a stay in a hospital internal medicine unit was undertaken. Semi-structured interviews were conducted with the patients 4–6 weeks after hospital discharge. Subsequently, interviews were conducted with the patient's GP on details of current medication. The interviews were recorded electronically, based on the consensus method and evaluated with respect to changes in medication and influencing factors. In order to detect discrepancies in drug therapy, discharge letters were included in the analysis.

Results:

A total of 34 patients and their GPs were interviewed. Few changes of medication changes were registered; however, these were more frequent in the weeks after hospital discharge. Drug therapy recommendations were modified by GPs for different medical or non-medical reasons. Non-medical reasons identified included economic, health policy constraints, personal conviction or non-adhrence of the pa­tient. Reasons for a change in medication by the patient included, questioning of the need for taking the drug, incompatibility, fears and a lack of knowledge about the medication.

Conclusion:

The data demonstrate that the transition from inpatient to outpatient care is a sensitive interface. The data do not allow quantitative estimation of the magnitude of this phenomenon. In this study, the reasons for the modification of the drug demonstrated that these findings could be the basis for further studies or the development of interventions for preventing unwanted medication changes.