Palliativmedizin 2014; 15 - PD280
DOI: 10.1055/s-0034-1374451

Russischsprachige Migranten mit Alkohol- oder Drogenproblemen: Vorstellungen einer ‚guten‘ Versorgung aus Sicht von Betroffenen und Experten

G Röhnsch 1, U Flick 2
  • 1Alice Salomon Hochschule, Berlin, Deutschland
  • 2Freie Universität, FB Erziehungswissenschaften und Psychologie; Qualitative Sozial- und Bildungsforschung, Berlin, Deutschland

Fragestellung: Russischsprachige Migranten mit Alkohol- oder Drogenproblemen in Deutschland werden vom Versorgungssystem oft nur suboptimal erreicht. Während die Betroffenen oft sehr riskant konsumieren und daher eine relativ hohe Zahl an Drogentodesfällen stellen, scheuen sie vor suchtspezifischen Hilfen oft zurück. Wie müssten aus Sicht dieser Migranten Versorgungsangebote aussehen, damit sie sie annehmen? Und woran bemessen Mitarbeiter des Versorgungssystems die Qualität von Hilfeangeboten? Solchen Fragen widmet sich eine vom BMBF im Rahmen des Programms „Versorgungsforschung“ geförderte Studie zum Hilfesuch- und Inanspruchnahmeverhalten von russischsprachigen Migranten mit Alkohol- oder Drogenproblemen.

Methodik: Mit 46 Migranten (Alter: 17 – 43 Jahre) aus russischsprachigen Ländern führten wir Leitfadeninterviews u.a. zu Vorstellungen einer ‚guten' Versorgung durch. Zudem befragten wir mittels Experteninterviews 33 Mitarbeiter (Ärzte, Sozialarbeiter, Psychologen) unterschiedlicher Bereiche des Hilfesystems u.a. zu einer adäquaten Versorgung der Zielgruppe. Alle Interviewaussagen wurden fallspezifisch kategorisiert und fallübergreifend typisiert.

Ergebnis: Aus Sicht von Betroffenen und Experten sollten Hilfen die Integration der Migranten in ein stabiles soziales Umfeld ermöglichen. Die meisten Zuwanderer wollen den Alkohol- oder Drogenkonsum beenden und wünschen sich Hilfen, die sie beim Ausstieg aus der Abhängigkeit unterstützen (Selbsthilfegruppen). Für Fachkräfte besteht eine gute Versorgung dagegen oft darin, die Betroffenen etwa durch Substitution zu einem ‚lediglich' risikoärmeren Konsumverhalten anzuregen.

Schlussfolgerung: Die (kulturell determinierten) Erwartungen der Migranten an eine gute Versorgung sollten vom Hilfesystem stärker beachtet werden. Dazu sollten Versorgungsangebote auch kontrollorientiert ausgerichtet sein und Migranten bei der Umsetzung therapeutischer Empfehlungen anleiten und überprüfen.