Palliativmedizin 2014; 15 - PD310
DOI: 10.1055/s-0034-1374481

Der Bilanzierungsdialog zwischen Arzt und Patient als Chance für eine patientenbezogene Gesamtdiagnose

O Bahrs 1, KH Henze 1, S Heim 1, G Bureick 2, K Ilse 3, HH Abholz 3, S Wilm 3
  • 1Universitätsmedizin Göttingen, Institut für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie, Göttingen, Deutschland
  • 2Priv. Universität Witten-Herdecke, Institut für Allgemeinmedizin und Familienmedizin, Witten, Deutschland
  • 3Universitätsklinikum Düsseldorf, Institut für Allgemeinmedizin, Düsseldorf, Deutschland

Hintergrund: Eine zentrale Aufgabe in der (nicht nur hausärztlichen) Langzeitbegleitung besteht darin, parallel bzw. konsekutiv bestehende Probleme und Krankheiten einerseits sowie vorhandene Ressourcen und Bewältigungspotentiale der Betroffenen andererseits zusammenzudenken. Diese Gesamtdiagnose ist, Balint zufolge, eine Interrelationsdiagnose, bei der der Anteil des Professionellen in der Regel unsichtbar bleibt und die dennoch idealerweise dem individuellen Gesund- und Kranksein der Betroffenen entsprechen muss, damit Patient und Arzt eine gemeinsame Behandlungswirklichkeit finden und effektiv zusammenarbeiten können.

Methoden: Dass und wie außerhalb der Sprechstundenroutine angesiedelte regelmäßige bilanzierende Gespräche diese Aushandlung explizit machen und fördern können, soll auf Grundlage ausgewählter videodokumentierter Gespräche im Verlauf nachvollziehbar gemacht werden. Mithilfe der Feinanalyse ausgewählter Gesprächssequenzen werden nach dem Verfahren der strukturalen Hermeneutik Prozesse nachgezeichnet und förderliche professionelle Handlungsstrategien herausgearbeitet. Das der Auswertung zugrunde liegende Material entstammt dem laufenden Projekt BILANZ, in dessen Rahmen die Wirksamkeit von Bilanzierungsdialogen im Hinblick auf die Erreichung der von Patienten und Ärzten gemeinschaftlich vereinbarten Gesundheitsziele systematisch überprüft wird.

Ergebnisse: Wie die Erstellung von Gesamtdiagnosen insgesamt, so erfolgt auch die Gestaltung von Bilanzierungsdialogen (und deren Rekonstruktion im Forschungsprozess) fallspezifisch. Dabei werden Muster erkennbar, die exemplarisch Typisches veranschaulichen, ohne Repräsentativität im statischen Sinne zu beanspruchen.

Schlussfolgerungen: In Bilanzierungsdialogen kann der diagnostisch-therapeutische Prozess als Ko-Konstruktion erfahren und die Gesamtdiagnose explizit werden. Wie deren – zeitaufwändige – Umsetzung gefördert werden kann und ob es spezifische Indikationen gibt, sollte weiter untersucht werden.