PPH 2014; 20(03): 118-119
DOI: 10.1055/s-0034-1376270
Szene
Larses Lyrische Lebensberatung
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Wie singe ich?

Lars Ruppel
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Publikationsdatum:
21. Mai 2014 (online)

Ich kann nicht singen. Wenn ich es aber doch versuche, schauen mich die Menschen in meiner Umgebung nach kurzer Zeit mit einem Ausdruck von Mitleid und Höflichkeit im Gesicht an und ich höre dann auf und sage so etwas wie: „Nicht schön, aber es kommt von Herzen“.

Wer nicht singen kann, es aber trotzdem tut, ist entweder enorm guter Laune, enorm rücksichtslos oder aber enorm motiviert, jemandem eine Freude zu machen. Musik ist nämlich, wie die meisten Leserinnen und Leser sicherlich schon erfahren haben, ein elementares Kommunikationsmittel, das mit Leichtigkeit sprachliche, gesundheitliche und emotionale Hürden überwinden kann.

Gedichte können das auch, allerdings sind sie viel schwieriger zu handhaben. Während in der Musik der Text mit der Melodie als ideale Eselsbrücke mitgeliefert wird, plätschern die Worte der Poesie meist schwunglos und fade daher. Woher soll der Vortragende auch wissen, wie welches Gedicht erklingen soll, fehlt es den Gedichten doch an einer erklärenden Partitur, aus der die richtige Betonung und die Melodie des Textes herausgelesen werden könnten.

Es ist eine schwierige Aufgabe, die Menschen von der Tanzbarkeit der Gedichte zu überzeugen. Oft genug stehe ich während einer Fortbildung in einer Pflegeeinrichtung traurig mit meinen Gedichten in einer Ecke und werde von den tanzenden Pflegenden und Bewohnerinnen und Bewohnern mit Volksmusik-CDs beworfen. Richtig gemein wird es, wenn mir dann auch noch die schönsten Gedichte aus dem Repertoire geklaut werden und sich bei der Musik wiederfinden.

Zum Beispiel das Gedicht „Ode an die Freude“ von Friedrich Schiller, das von Ludwig van Beethoven einige Jahre später mit dem letzten Satz der 9. Sinfonie versehen wurde. Oder „Die Lore-Ley“ von Heinrich Heine, die wegen der Vertonung durch Friedrich Silcher heute hauptsächlich als Lied bekannt ist. Diese und weitere Beispiele zeigen, dass Poesie oft nur ungesungene Lieder ist, die der Vortragende Kraft seiner Stimme zum Klingen bringen muss.

Denn solange Gedichte noch vorgetragen werden als gelte es lediglich, geschriebenen Text in ein akustisches Signal zu decodieren, wird die Poesie es schwer haben, einen festen Platz im Pflegealltag zu gewinnen.

Die Lore-Ley

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
Daß ich so traurig bin,
Ein Märchen aus uralten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.
Die Luft ist kühl und es dunkelt,
Und ruhig fließt der Rhein;
Der Gipfel des Berges funkelt,
Im Abendsonnenschein.

Die schönste Jungfrau sitzet
Dort oben wunderbar,
Ihr gold‘nes Geschmeide blitzet,
Sie kämmt ihr goldenes Haar,
Sie kämmt es mit goldenem Kamme,
Und singt ein Lied dabei;
Das hat eine wundersame,
Gewalt‘ge Melodei.

Den Schiffer im kleinen Schiffe,
Ergreift es mit wildem Weh;
Er schaut nicht die Felsenriffe,
Er schaut nur hinauf in die Höh‘.
Ich glaube, die Wellen verschlingen
Am Ende Schiffer und Kahn,
Und das hat mit ihrem Singen,
Die Loreley getan.

Heinrich Heine (1797-1856)

Dabei bietet jedes einzelne Wort bei genauerer Betrachtung großes Klangpotential. Das Wort „Baum“ klingt bei richtiger Aussprache so, wie ein Baum aussieht: mächtig, tief und harmonisch. „Rose“ hingegen klingt weit weniger majestätisch, beinhaltet aber mit einem lang gesprochenen „o“ die Reaktion des Gegenübers, wenn er eine solche Rose geschenkt bekommt. „Katze“ verleiht bei richtiger Aussprache dem eigenen Gesicht für einen kurzen Moment einen fauchenden Ausdruck. Auch der Klang des Wortes ist der akustische Ausdruck dessen, was sie mit ihren Krallen an den Möbeln anrichten kann. „Hund“ hingegen bezeichnet den besten Freund des Menschen, es klingt aber auch wie das Geräusch, das dieser von sich geben kann.

Nehmen Sie sich ein Wort aus einem Gedicht und betonen Sie es auf zehn verschiedene Weisen. Sie werden sehen, es gibt immer neue Facetten zu entdecken. Wenn Sie dann die verschiedenen Wörter in einem Gedicht aneinanderhängen, werden Sie selbst die klangliche Vielfalt der Poesie erleben, ganz ohne singen zu müssen.

Auch der Rhythmus eines Gedichts ist ein Geheimnis, das sich nicht gleich beim ersten Lesen offenbart. In der Musik zeigt uns das Schlagzeug genau wann wir mitklatschen können. Man braucht aber nicht unbedingt ein Schlagzeug, um ein Gedicht rhythmisch zu entdecken. Klopfen Sie beim Lesen des Gedichts im Takt auf den Tisch und versuchen Sie, das Lesen und das Klopfen so aufeinander abzustimmen, dass sie zueinander passen. Sie werden merken, dass der Rhythmus von Eichendorffs „Mondnacht“ ein anderer ist als der von „Der Schmetterling“ von Wilhelm Busch.

Wer zu Poesie tanzen will, muss die dem Gedicht innewohnende Musik erkennen lernen. Diese Auseinandersetzung mit den Gedichten erleichtert auch das Verstehen der emotionalen Botschaft des Textes. Ein solch tiefgreifendes Verständnis von Inhalt und Klang des Textes ist unverzichtbar für den Vortrag vor Menschen, die aufgrund von hohem Alter oder einer Erkrankung Schwierigkeiten mit der Rezeption von Sprache haben. Wir können mit unseren Stimmen das auf dem Papier gefangene Gedicht lebendig machen.

Ich würde es ungern zu einer offenen Konfrontation zwischen Musik und Poesie kommen lassen. Ich sehe schon vor mir, wie aufgebrachte Gedichte-Fans gegen die Eröffnung eines Geschäfts für Musikinstrumente demonstrieren. Das muss nicht sein, denn jede dieser Kunstformen ist ein wichtiger Teil der anderen.

Deswegen die Hausaufgabe an Sie: Tragen Sie bei nächster Gelegenheit „Die Lore-Ley“ ohne die bekannte Melodie vor. Wehren Sie die Versuche ab, das Gedicht zu singen. Bleiben Sie standhaft und füllen Sie dieses Gedicht mit Ihrem eigenen Klang.

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Wie genieße ich?

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Wir wünschen viel Hörvergnügen!


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