Rehabilitation (Stuttg) 2014; 53(03): 203-204
DOI: 10.1055/s-0034-1377001
Leserbriefe
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Leserbriefe

R. Wohlfarth
1  Pädagogische Hochschule Freiburg, Abteilung für Public Health & Health Education, Freiburg und Freiburger Institut für tiergestützte Therapie, Freiburg, Deutschland
,
A. Beetz
2  Department für Verhaltensbiologie, Universität Wien, Österreich und Institut für sonderpädagogische Entwicklungsförderung und Rehabilitation, Universität Rostock, Deutschland
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Publication Date:
12 June 2014 (online)

S. Bardl, M. Bardl, M. E. Kornhuber: Hundgestützte multisensorische Therapie bei einer Patientin mit ­„persistierendem vegetativen Zustand“ – ein Fallbericht Die Rehabilitation 2013; 52: 399–405

Der vorliegende Fallbericht zeigt die Chancen tiergestützter Therapie eindrücklich. Er macht deutlich, dass tiergestützte Therapie für die traditionellen Therapien einen deutlichen Mehrwert erbringen kann, ohne diese ersetzen zu können. ­Jedoch möchten wir gerne noch einige theoretische und praktische Aspekte ergänzen, welche aus unserer Sicht für das ­Verständnis tiergestützter Therapie in der Rehabilitation von ­Bedeutung sind und in dem Beitrag zu kurz oder auch missverständlich dargestellt wurden.

Tiergestützte Therapie wird nicht nur in den von den Autoren ­genannten Bereichen – bei Kognitions- und Sprachstörungen, ­Autismus oder zur Sozialtherapie bei Straftätern – eingesetzt, sondern ihre Wirksamkeit ist bei unterschiedlichsten Erkrankungen nachgewiesen [1] [2] [3] [4]. Der im Artikel etwas prononciert dargestellte Einsatz bei Straftätern stellt nur einen sehr kleinen Ausschnitt aus den Anwendungsbereichen tiergestützter Interventionen dar.

Die spezifischen Wirkmechanismen tiergestützter Interven­tionen sind derzeit noch wenig erforscht, es werden jedoch unterschiedliche Hypothesen diskutiert, welche diesen positiven ­Wirkungen zugrunde liegen könnten [5]. In dem geschilderten Fall ist an verschiedene Wirkmechanismen zu denken, welche über eine von den Autoren vermutete „Instinktgesteuertheit“ des Tieres hinausgehen.

Erstens hat sich eine besondere Affinität des Menschen zu anderen Lebewesen entwickelt, die mit einer relativ niedrigen Wahrnehmungsschwelle, spezifischen Reaktionen und einer emo­tionalen Tönung des Erlebens verbunden ist [6]. So besitzen Menschen eine höhere spontane Aufmerksamkeit für Lebewesen als für unbelebte Objekte [7]. Es konnten auch bewegungs- und objektabhängige Veränderungen der Gehirnaktivität bei der Betrachtung von sich bewegenden lebenden Tieren im Vergleich zu ähnlichen, jedoch computergenerierten Stimuli nachgewiesen werden [8]. Die Wirkungen der tiergestützten Therapie könnten daher auf der Stimulation spezifischer Gehirnbereiche, welche durch die klassischen Therapien nicht erreicht werden, beruhen. Zweitens löst Tierkontakt hormonelle Veränderungen aus, welche vorwiegend entspannende, stressmindernde und angstlösende Wirkung besitzen [4]. Drittens fördern Tiere unser Bedürfnis, Fürsorgeverhalten zu zeigen [4], und sie sprechen wahrscheinlich eher unser unbewusstes implizites Motivsystem an [9]. Es gibt Einzelfallberichte, die zeigen, dass „Leckerli geben“ selbst Patienten „gelingt“, welche sonst kaum Reaktionen zeigen.

Neben den Wirkmechanismen möchten wir gerne noch auf einen zweiten Aspekt eingehen, welcher von den Autoren nur kurz berichtet wird: die notwendigen Maßnahmen zu Qualitätssicherung. Diese sind wesentlich umfassender als die geschilderten hygienischen Maßnahmen oder die „Abrichtung des Hundes“ [10]. Die Autoren meinen mit dem Begriff „abgerichtet“ wohl das spezifische Training eines Hundes, welches ihn auf den ­Einsatz in tiergestützter Therapie vorbereitet. Die Verwendung dieser Begrifflichkeit verweist auf eine sehr veraltete Vorstellung von Hundeerziehung, welche in der tiergestützten Therapie heute keinen Platz hat. Vielmehr liegt ein besonderes Augenmerk bei der tiergestützten Arbeit auf dem Schutz des Tieres. Ein artgerechter Umgang mit Tieren, die in tiergestützten Interventionen eingesetzt werden, ist nicht alleine durch die Einhaltung des Tierschutzgesetzes oder die Befriedigung der Grundbedürfnisse gewährleistet. Die eingesetzten Tiere dürfen weder instrumentalisiert, ausgebeutet noch überfordert und schon gar nicht „abgerichtet“ werden [11]. Eine positive Wirkung eines Tieres ergibt sich nur dann, wenn eine konstante, intensive, ­positive und partnerschaftliche Beziehung zwischen Tier und Bezugsperson vorliegt. Diese setzt eine sichere Bindung und ein spezifisches Training durch positive Erfahrungen und soziales Lernen voraus.

Zu bedenken ist auch, dass Tiere keine Medikamente sind, die quasi auf Rezept verschrieben werden können. Bei einer tiergestützten Therapie handelt es sich vielmehr um eine komplexe Interventionsform, die eine solide und intensive Ausbildung für Mensch und Tier voraussetzt.

Die bloße Anwesenheit eines Tieres hat noch keinen Vorhersagewert für den Verlauf einer Intervention. Tiere verändern vielmehr die therapeutische Beziehung so, dass Vertrauen, Sicherheit, Mitteilungs- und Geselligkeitsbedürfnis sowie Motivation und Kooperation positiv beeinflusst werden. Daher wird ihnen eine „Vorfeldfunktion“ oder „Eisbrecherfunktion“ zugesprochen [12]. Entscheidend für den Therapieerfolg bleibt weiterhin die Therapeutin bzw. der Therapeut.