Die Hebamme 2015; 28(1): 4
DOI: 10.1055/s-0034-1384318
Editorial
Hippokrates Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG Stuttgart

Die Beckenendlage – ein ewiges Thema mit Konfliktpotential

Ute Lange
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Publikationsdatum:
23. März 2015 (online)

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Sehr geehrte Leserinnen, sehr geehrte Leser,

ein Dauerbrenner der kontrovers diskutierten Themen in der Geburtshilfe ist die Frage des angestrebten oder empfohlenen Geburtsmodus eines Kindes aus Beckenendlage. Normvariante der physiologischen Längslage oder Pathologie? Vaginal gebären oder Sectio?

Ich erinnere mich noch gut an meine ersten Jahre als Hebamme im Kreißsaal in den frühen 1980er Jahren. Frauen, deren Kinder sich in Beckenendlage befanden, wurden zwar intensiver betreut und vorgeburtlich einbestellt, aber die Frage nach dem Geburtsmodus stellte sich nur in Einzelfällen. Sprachen keine anamnestischen oder diagnostischen Gründe dagegen, war die Option einer vaginalen Geburt kein dominantes Beratungsthema und wurde nur gut begründet in Frage gestellt. Das alles war für uns selbstverständlich und normal. Auch wenn mir einzelne Interventionen, wie die obligatorische Episiotomie rückblickend nicht mehr einleuchten wollen, so kann ich mich an Gelassenheit und Routine im Umgang mit der Thematik erinnern.

Wie anders ist es heute! In fast allen Industrienationen ist die Rate der primären Sectiones bei Beckenendlagen eklatant angestiegen. Einen entscheidenden Einfluss auf diese Entwicklung hatte sicher die „Hannah Studie“ aus dem Jahr 2000, auch als „Term-Breech-Trial“ bekannt. Diese Studie schien nachzuweisen, dass eine vaginale Beckenendlagengeburt zu einer höheren fetalen Morbidität und Mortalität führt. Nach der Veröffentlichung stiegen die Sectioraten bei Beckenendlagen in vielen Ländern sprunghaft an.

Jahre später wurden der Studie zwar methodische Mängel bescheinigt und die Ergebnisse relativiert, aber da schien der Geist nicht mehr zurück in die Flasche zu wollen. Die neue Kultur einer Sectio bei Beckenendlage passte außerdem sehr gut in den mittlerweile allgemeinen Trend hin zur operativen Entbindung. Auch wenn heute eine vorsichtige Annäherung an das Thema einer vaginalen Beckenendlagengeburt beobachtet werden kann, so ist die Sectiorate bei betroffenen Frauen und Kindern aller neuen Evidenzen zum Trotz noch erschreckend hoch.

Was können wir tun, um das zu ändern? Der Effekt einer langjährigen Praxis ist, dass sie eine normative Kraft entwickelt. Eine sich kontinuierlich wiederholende Erfahrung wird zu einer Selbstverständlichkeit, die in das Erfahrungswissen integriert wird und die Kraft eines Naturgesetzes entfaltet. Denn normal ist für uns erst einmal nicht, was physiologisch oder durch Studien belegt ist, sondern was wir alltäglich erleben.

Das Beschreiten neuer Wege zu einer anderen und sowohl evidenzbasierten und bewährten als auch im Sinne der Mutter-Kind-Gesundheit gewünschten Normalität beginnt als erstes im Kopf. Und zwar aller Beteiligten, auch uns Hebammen! Es braucht die Vision einer anderen Geburtskultur und die Motivation, verlorenes Erfahrungswissen wieder zu beleben, sich fortzubilden und zu lernen.

Neben Hospitationen bei erfahrenen Experten und Expertinnen, die diesen Weg bereits eingeschlagen und beschritten haben, ist auch die theoretische Auseinandersetzung mit dem Thema eine Möglichkeit, Sicherheit zu entwickeln und das eigene Denken zu reflektieren. Zwei Beiträge in diesem Heft greifen daher das Thema der vaginalen Geburt eines Kindes aus Beckenendlage sehr praktisch auf und vermitteln Handlungsorientierung auf anschauliche Weise.

Auch wenn Sie derzeit keine Geburten begleiten, ist die Auseinandersetzung mit der Thematik wichtig. Die Frauen spüren unsere Haltung zu dem Thema und unsere Haltung entfaltet dadurch schon in der Betreuung während der Schwangerschaft eine große Kraft!

Ich wünsche Ihnen Spaß beim Lesen und hoffe, dass diese Artikel einen Beitrag dazu leisten, bei einer Beckenendlage des Kindes Geburtshilfe anzuwenden und nur im Ausnahmefall Geburtsmedizin.

Ihre

Ute Lange