Gesundheitswesen 2014; 76(11): e57-e64
DOI: 10.1055/s-0034-1390000
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Kriterien für eine ethisch angemessene Priorisierung individualisierter Therapiemaßnahmen

Criteria for an Ethically Adequate Prioritisation of Individualised Treatment Strategies
S. Schleidgen
1   Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin, München
,
G. Marckmann
1   Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin, München
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Publication History

Publication Date:
28 October 2014 (online)

Zusammenfassung

Ziel der Studie: Angesichts der stetigen Zunahme biomedizinischer Innovationen sowie des ­demografischen Wandels ist eine explizite Bestimmung von Versorgungsgrenzen im deutschen Gesundheitswesen unausweichlich. Dies gilt insbesondere für sogenannte individualisierte Therapiemaßnahmen, die den Patienten bislang nur selten signifikante Vorteile gegenüber „klassischen“ Behandlungsansätzen bieten bei gleichzeitig zumeist erheblich höheren Kosten. Vor diesem Hintergrund werden im Artikel angemessene Priorisierungskriterien entwickelt sowie Möglichkeiten und Grenzen ihrer Anwendung im Kontext der individualisierten Medizin aufgezeigt.

Methodik: Die Herleitung der Priorisierungskriterien erfolgt auf analytisch-ethischem Weg.

Ergebnisse: Basierend auf einem grundbedürfnisorientierten Ansatz ethisch angemessener Gesundheitsversorgung werden die fünf Priorisierungskriterien Qualität des gesundheitlichen Schadens, Eintrittswahrscheinlichkeit des Schadens, Dringlichkeit der Intervention, Zusatznutzen der Intervention sowie ihr Kosten-Nutzen-Verhältnis entwickelt.

Schlussfolgerungen: Das relative Gewicht der einzelnen Kriterien im Einzelfall lässt sich nicht allein analytisch bestimmen, sondern erfordert faire politische Entscheidungsverfahren. Darüber hinaus können empirische Daten hilfreich sein, um die Kriterien für Priorisierungsentscheidungen zu interpretieren und zu gewichten. Im Kontext individualisierter Therapiemaßnahmen hat die Nutzenbewertung dabei besonderen Stellenwert.

Abstract

Objectives: In view of the constant increase of biomedical innovations as well as the demographic change an explicit regulation of health services is inevitable in the German health-care system. Particularly, this applies to so-called individualised treatment measures, which so far only rarely show significant advantages over “classical” treatment measures with mostly substantially higher costs. Against this background, appropriate prioritisation criteria are developed and possibilities as well as limits of their application in the context of individualised medicine are shown.

Methods: The prioritisation criteria are derived in an analytically ethical manner.

Results: Based on a basic need-oriented approach of an ethically adequate health care, five prioritisation criteria have been developed: badness/gravity, entrenchment, urgency, benefit and cost-benefit ratio.

Conclusions: The relative weight of the criteria in individual cases cannot be derived in a purely analytical manner but needs to be determined through fair political decision-making processes. Furthermore, empirical data are necessary in order to interpret and weigh the criteria in prioritisation decisions. In the context of individualised treatment strategies benefit assessment is of special interest.