Inf Orthod Kieferorthop 2015; 47(01): 47-50
DOI: 10.1055/s-0035-1545355
Pro und Contra
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Beschleunigung von Zahnbewegungen: Was für eine kortikotomieunterstützte Kieferorthopädie spricht [*]

Accelerating Tooth Movement: The Case for Corticotomy-induced OrthodonticsW. Wilcko1, M. T. Wilcko1
  • 1Private Practice, Erie, PA
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Publication Date:
18 May 2015 (online)

Aufgrund allgemein gestiegener gesellschaftlicher Erwartungen fragen Patienten heutzutage immer häufiger kürzere Behandlungszeiten nach. Die Erwartungshaltung in Hinblick auf die Qualität von Behandlungsergebnissen ist dabei unverändert hoch. Eine Möglichkeit, die Dauer einer kieferorthopädischen Behandlung zu verkürzen, ist ein kombiniertes ambulantes chirurgisch-kieferorthopädisches Verfahren zur Augmentation des Kieferknochens, das unter der Bezeichnung „parodontal beschleunigte osteogenetische kieferorthopädische Methode“ (periodontally accelerated osteogenic orthodontic procedure, PAOO) bekannt geworden ist [1] [2] [3] [4] [5] [6] [7] [8].

Eine parodontal beschleunigte osteogenetische kieferorthopädische Behandlung kann häufig in einem Drittel bis einem Viertel der Zeit durchgeführt werden, die für eine konventionelle kieferorthopädische Therapie erforderlich wäre [9]. Außerdem lassen sich Zähne auf diese Weise weiter bewegen, wodurch Zahnextraktionen vermieden werden können und sich die parodontale Unterstützung erhöht. Auf diese Weise erschließt sich der Kieferorthopädie eine neue Gruppe von erwachsenen und jugendlichen Patienten, die bisher keine kieferorthopädischen Korrekturen durchführen ließen.

Eine parodontal beschleunigte osteoneogenetische kieferorthopädische Behandlung kann bei Erwachsenen und bei Jugendlichen, bei denen die Mehrzahl der bleibenden Zähne bereits durchgebrochen ist, durchgeführt werden [10] [11] [12] [13] [14].

Eine vollständige Behandlung löst rasch sämtliche Probleme eines Patienten und erlaubt sogar kleinere Korrekturen im Gesichtsbereich. Im Rahmen einer konventionellen kieferorthopädischen Therapie können einzelne Maßnahmen, wie etwa die Einreihung retinierter Zähne [5] [10] oder die Intrusion von Molaren [15] [16] mithilfe der PAOO schnell durchgeführt werden. Die Entscheidung für eine solche Therapie hängt von der Schwere der Malokklusion, von bestehenden parodontalen Schädigungen, von der Überlegung, ob Zähne extrahiert werden sollen und von den Erwartungen des Patienten ab.

Eine chirurgische Kortikotomie führt als Folge einer Stimulation des Heilungsstadiums „regionales Beschleunigungsphänomen“ (regional accelerated phenomenon, RAP) und in Verbindung mit einer ausreichend dünnen Knochenmorphologie in Richtung der Zahnbewegung zu einer über den parodontalen Faserapparat vermittelten Beschleunigung. Für die schnellere Bewegung der Zähne sind dabei eine Erhöhung der Umsatzrate des Knochens und seine Demineralisierung von besonderer Bedeutung [11]. Die Weichgewebeanteile des demineralisierten Knochens bewegen sich dabei zusammen mit den Zahnwurzeln und remineralisieren nach Abklingen des Heilungsstadiums RAP wieder. Bei Erwachsenen verläuft diese Remineralisierung allerdings unvollständig. Das Knochenvolumen verringert sich und es verbleiben vestibuläre und orale Dehiszenzen des Alveolarknochens [11]. Durch eine Augmentation des Alveolarfortsatzes, bei der die Zahnwurzeln wie bei einem Sandwich zwischen je eine vestibuläre und eine orale Lage intakten Knochens zu liegen kommen, werden einerseits möglicherweise bereits vorhandene Dehiszenzen und Fenestrationen des Alveolarfortsatzes korrigiert. Andererseits lässt sich auf diese Weise auch die durch eine Kortikotomie hervorgerufene Verringerung des Knochenvolumens kompensieren und die Entstehung von neuen Knochendehiszenzen verhindern [11]. Bei der Augmentation werden zwischen dem Periost und dem Alveolarknochen relativ große Mengen an Knochenaufbaumaterial eingebracht. Die Kontinuität des Periosts darf dabei nicht unterbrochen werden, damit der neu gebildete Knochen möglichst voluminös ist. Durch dieses vergrößerte Knochenvolumen werden umfangreichere Zahnbewegungen möglich. Die Notwendigkeit, Zähne zu extrahieren, verringert sich und die Zähne sind gleichzeitig ausreichend parodontal gestützt.

Eine Kortikotomie löst in einem begrenzten Areal aufgrund der Demineralisation eine Beschleunigung der Umbauvorgänge im Knochen aus. Schnellere Bewegungen finden daher nur im Umkreis von kortikotomierten Zähnen statt. Die unterschiedliche Beweglichkeit von kortikotomierten und nicht kortikotomierten Zähnen ermöglicht eine Veränderung der relativen Verankerung zwischen den Zähnen. Nicht kortikotomierte Verankerungszähne werden dabei stabiler und kortikotomierte Zähne bewegen sich demgegenüber leichter. Das Kortikotomieverfahren spielt dabei eine eher untergeordnete Rolle. Die Reaktionen der Gewebe werden vielmehr durch die Ausdehnung der Kortikotomie und ihre Nähe zum Zahn beeinflusst. Davon hängt ab, wie schnell sich ein Zahn bewegen lässt.

Die Patienten müssen über das chirurgische Verfahren umfassend aufgeklärt werden und ihre Einwilligung geben. Wenn wir unseren Patienten die unterschiedlichen chirurgischen Methoden vorstellen, die wir verwenden, erkennen sie schnell, dass diese ambulanten Verfahren für uns Routine sind. Da die Operationswunden primär verschlossen werden, kommt es nach dem chirurgischen Eingriff nur zu geringen postoperativen Beschwerden [17]. Patienten schildern uns sogar, dass sie dabei weniger Beschwerden hätten als bei der nachfolgenden kieferorthopädischen Ausrichtung der Zähne [18].

Lee u. Mitarb. [19] beschrieben in einer histologischen Studie die unterschiedlichen Reaktionen der Gewebe nach einer Kortikotomie und im Rahmen einer Distraktionsosteogenese. Bei einer Distraktionsosteogenese werden entweder Knochensegmente im Verlauf des chirurgischen Eingriffs mobilisiert [20] [21] [22] [23] [24] oder es werden umschriebene Bereiche interseptalen Knochens durch die Aktivierung von orthopädischen Apparaturen schnell verlagert [25]. Im Zusammenhang mit kortikotomieunterstützten kieferorthopädischen Verfahren sprechen wir uns gegen die Luxation von Knochengewebe aus.

* Dieser Artikel wurde im Original veröffentlicht in: Am J Orthod Dentofacial Orthop 2013; 144: 4–13. Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der American Association of Orthodontists.