Klin Padiatr 2015; 227(04): 213-218
DOI: 10.1055/s-0035-1547310
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Sprachentwicklungsverzögerung: Was wird aus Late Bloomern?

Language Delay: What is the Prognosis of Late Bloomers?
P. Kühn
1  Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik, Psychotherapie, kbo-Heckscher-Klinikum, München
,
S. Sachse
2  Institut für Psychologie, Pädagogische Hochschule, Heidelberg
,
W. von Suchodoletz
3  Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München, München
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Publication Date:
03 June 2015 (online)

Zusammenfassung

Hintergrund: 30–50% der Spätsprecher (Late Talker; LT) holen den Sprachentwicklungsrückstand bis zum Ende des dritten Lebensjahres auf (Late Bloomer; LBl). Bislang ist unklar, ob es sich dabei um eine scheinbare Normalisierung (illusionary recovery) oder ein dauerhaftes Aufholen handelt. Zur Klärung dieser Frage wurde in der vorliegenden Studie erstmals der weitere Sprachverlauf bei LBl untersucht.

Methodik: Die sprachlichen Fähigkeiten von 83 dreijährigen Kindern (16 LBl, 29 LT mit persistierenden Sprachauffälligkeiten, 38 Nicht-LT) wurden mit einem Sprachentwicklungstest (SETK 3–5) erfasst. Eine Nachuntersuchung mit dem SETK 3–5 erfolgte im Einschulungsalter. Zusätzlich wurden der aktive und passive Wortschatz (AWST-R bzw. MSVK) sowie Vorläuferfertigkeiten für den Schriftspracherwerb (verbale Merkfähigkeit, phonologische Bewusstheit, verbale Abrufgeschwindigkeit) beurteilt.

Ergebnisse: Im Einschulungsalter unterschieden sich LBl von Nicht-LT in der phonologischen Merkfähigkeit. 31% der LBl gegenüber 3% der N-LT hatten leichtere Sprachschwächen, aber kein Kind eine Sprachentwicklungsstörung. 38% der LBl waren logopädisch behandelt worden. Die Sprachfähigkeiten und die Vorläuferfertigkeiten der LT mit persistierenden Sprachauffälligkeiten verblieben bis zum Einschulungsalter signifikant unter dem Niveau der LBl und der Nicht-LT. Jedes vierte Kind dieser Gruppe hatte eine Sprachentwicklungsstörung.

Schlussfolgerung: LBl haben kein erhöhtes Risiko für spätere Sprachstörungen. Ihre sprachlichen Fähigkeiten liegen aber häufig an der unteren Grenze des Normbereichs. In Anbetracht der großen Bedeutung von Sprachkompetenz für den Schulerfolg ist zu empfehlen, dass LBl im Kindergarten oder zu Hause gezielt gefördert werden, z. B. durch eine systematische Anleitung der Bezugspersonen zu sprachförderndem Verhalten.

Abstract

Background: 30–50% of late talkers catch-up their language delay during the third year of life. So far it is unclear whether this is a permanent or an illusionary recovery. The aim of the study was to examine the further language development of late bloomers.

Method: Language skills of 83 three-year-old children (16 late bloomers [LB], 29 late talkers [LT] with persistent language problems, 38 Non-LT) were assessed with a standardized language test. Before school entry formal language skills, expressive and receptive vocabulary and precursors of written language (verbal memory, phonological awareness, verbal information-processing speed) were assessed.

Results: At follow-up before school entry LB scored below Non-LT on phonological memory test. 31% of the LB in contrast to 3% of the Non-LT had slight language problems. 38% had received speech-language therapy. Nevertheless, no LB met the criteria of developmental language disorder. The language skills of LT with persistent language problems remained significantly below the level of LB and Non-LT. Every fourth of these children was language impaired.

Conclusion: LB as a group are not at risk for later clinically relevant language disorders. However, their language abilities are often within the lower range of normal variation. Therefore, it is recommended to facilitate their language acquisition either by kindergarten training programs or by parent-directed intervention programs to provide a more stimulating environment.