Inf Orthod Kieferorthop 2015; 47(02): 93-104
DOI: 10.1055/s-0035-1555769
Übersichtsartikel
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Chirurgisch unterstützte kieferorthopädische Behandlung: eine systematische Übersicht[*]

Surgically Facilitated Orthodontic Treatment: A Systematic ReviewE. J. Hoogeveen1, J. Jansma2, Y. Ren3
  • 1Department of Orthodontics, University Medical Center Groningen, University of Groningen, Groningen, Niederlande
  • 2Department of Oral and Maxillofacial Surgery, University Medical Center Groningen, University of Groningen, Groningen, Niederlande
  • 3Professor, Department of Orthodontics, University Medical Center Groningen, University of Groningen, Groningen, Niederlande
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Publication History

Publication Date:
03 July 2015 (online)

Zusammenfassung

Einführung: Zur Verkürzung der Behandlungsdauer bei Jugendlichen und Erwachsenen sind Kortikotomien und dentale Distraktionsverfahren als effektive und sichere Maßnahmen vorgestellt worden. Im Rahmen einer systematischen Übersichtsarbeit sollte die Evidenz dieser Aussagen überprüft werden.

Methoden: Die Literaturdatenbanken PubMed, Embase und Cochrane wurden bis April 2013 nach randomisierten kontrollierten Studien, kontrollierten klinischen Untersuchungen und Fallserien mit 5 oder mehr Fällen durchsucht, die sich mit der Schnelligkeit der Zahnbewegung, der Verkürzung der Behandlungsdauer und mit Komplikationen bei verschiedenen chirurgischen Protokollen beschäftigt hatten. Die Suche wurde auf sämtliche Publikationssprachen ausgedehnt. Die Veröffentlichungen wurden systematisch auf ihre Eignung hin überprüft und 2 Bearbeiter beurteilten die methodische Qualität der ausgewählten Untersuchungen mithilfe eines vorab festgelegten Bewertungssystems.

Ergebnisse: Insgesamt 18 Veröffentlichungen konnten in die Auswertung aufgenommen werden. Bei 7 dieser Studien handelte es sich um klinische Untersuchungen mit kleinen Patientengruppen. Sämtliche Studien hatten ein mittleres oder niedriges Evidenzniveau. Die chirurgische Unterstützung wurde bei unterschiedlichen klinischen Problemen durchgeführt. Sämtliche Veröffentlichungen berichten von einer temporär beschleunigten Bewegung der Zähne nach dem chirurgischen Eingriff. In keiner der Studien konnten negative Auswirkungen auf die Parodontien, ein Vitalitätsverlust der Zähne oder Wurzelresorptionen festgestellt werden. Aufgrund methodischer Mängel und der kleinen Patientengruppen ist das Evidenzniveau für diese Ergebnisse beschränkt. In die Auswertung konnte keine Untersuchung zur Langzeitstabilität der Behandlungsergebnisse einbezogen werden.

Schlussfolgerungen: Die auf Grundlage der zurzeit verfügbaren Studien mit mittlerem bis niedrigem Evidenzniveau ermittelte Evidenz weist darauf hin, dass chirurgisch unterstützte kieferorthopädische Verfahren keine Gefahr für die oralen Gewebe darstellen und dass sie durch eine temporäre Phase beschleunigter Zahnbewegung charakterisiert sind. Dadurch kann die Dauer einer kieferorthopädischen Behandlung verkürzt werden. Allerdings existiert bisher keine prospektiv angelegte Studie, in der die Gesamtdauer einer Behandlung und die Langzeitstabilität der Behandlungsergebnisse im Vergleich mit einer Kontrollgruppe untersucht worden sind. Für sichere Aussagen sind immer noch gut durchgeführte prospektive Studien erforderlich.

Abstract

Introduction: Corticotomy and dental distraction have been proposed as effective and safe methods to shorten orthodontic treatment duration in adolescent and adult patients. A systematic review was performed to evaluate the evidence supporting these claims.

Methods: PubMed, Embase, and Cochrane databases were searched until April 2013 for randomized controlled trials, controlled clinical trials, and case series with 5 or more subjects that focused on velocity of tooth movement, reduction of treatment duration, or complications with various surgical protocols. There were no language restrictions during the search phase. Publications were systematically assessed for eligibility, and 2 observers graded the methodologic quality of the included studies with a predefined scoring system.

Results: 18 articles met the inclusion criteria. 7 studies were clinical trials, with small investigated groups. Only studies of moderate and low values of evidence were found. Surgically facilitated treatment was indicated for various clinical problems. All publications reported temporarily accelerated tooth movement after surgery. No deleterious effects on the periodontium, no vitality loss, and no severe root resorption were found in any studies. However, the level of evidence to support these findings is limited owing to shortcomings in research methodologies and small treated groups. No research concerning long-term stability could be included.

Conclusions: Evidence based on the currently available studies of low-to-moderate quality showed that surgically facilitated orthodontics seems to be safe for the oral tissues and is characterized by a temporary phase of accelerated tooth movement. This can effectively shorten the duration of orthodontic treatment. However, to date, no prospective studies have compared overall treatment time and treatment outcome with those of a control group. Well-conducted, prospective research is still needed to draw valid conclusions.

* Dieser Artikel ist im englischsprachigen Original erschienen in: Am J Orthod Dentofazial Orthop 2014; 145: S51–S64. Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung.