Suchttherapie 2017; 18(S 01): S1-S72
DOI: 10.1055/s-0037-1604522
Symposien
S-05 Aspekte der Versorgung Suchtkranker
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Chronisch alkoholkrank – die „Drehtür“, ein Maß für den Chronifizierungsprozess?

H Fleischmann
1  Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V.
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Publication Date:
08 August 2017 (online)

 

Einleitung:

Der Begriff „chronisch“ wird bei Suchtkranken unpräzise und vieldeutig verwendet. Die S3-Leitlinie greift ihn fast ausschließlich in Bezug auf das Konsumverhalten auf. Nur am Rande wird das therapeutische Risiko über das Konzept „CMA“ gestreift. Suchterkrankungen gelten undifferenziert per se als chronisch und werden nicht zuletzt deshalb einer medizinischen Rehabilitation zugeführt. Andererseits erfüllen gerade chronische Patienten häufig nicht die Kriterien für Rehafähigkeit. Im Unterschied dazu wird bei somatischen Erkrankungen der chronische Verlauf als eigenständige Entität mit speziellen Interventionsstrategien versorgt.

Methodik:

Die in der Literatur diskutierten Konzepte des Begriffs werden kritisch hinterfragt. Unter der Hypothese, dass die Behandlungsfrequenz ein klinisch relevantes Maß für Chronizität ist (Surrogatparameter), wurden mittels einer vergleichenden Beobachtungsstudie über einen Zeitraum von 7 Jahren Häufigkeit und Dynamik der Inanspruchnahme von stationären Interventionen untersucht.

Ergebnisse:

Im Beobachtungszeitraum wurden 6042 Behandlungsepisoden (BE) für Patienten der Diagnosegruppe F10.2 erfasst. 3324 BE (55%) waren Wiederholungsbehandlungen. 1531 Patienten (56%) waren nur einmal in Behandlung. Wiederholungsbehandlungen nutzten 1187 Patienten (44%). Aus der Patientenperspektive wurden 2/3 der Patienten zu „Wiederholern“. Patienten mit mehr als 4 BE nahmen von 4,5% auf 20,9% zu („Chronifizierungsrisiko“). Aus der Behandler- bzw. Einrichtungsperspektive nahmen Behandlungen von Patienten mit 4 oder mehr Wiederaufnahmen von 14,3% auf 34,3% zu („Belastungsrisiko“). Die Wiederaufnahmeraten unterschieden sich bei Klassifikation in Reha-, QE- und CMA-Patienten signifikant.

Schlussfolgerung:

Das Ausmaß der Chronifizierung, das mittels eines ökonomisch relevanten Versorgungsparameters gemessen wurde, erscheint nicht sehr hoch. Kenntnisse über Patientenmerkmale der Chronifizierung, ihre Dynamik, begünstigende und Resilienz fördernde Faktoren sowie den Behandlungsbedarf liegen kaum vor. Zu unterscheiden wären in der Person liegende Faktoren wie Besonderheiten der Krankheitsüberzeugung, Erbfaktoren, Selbstermächtigung statt Hilfeakzeptanz einerseits und problematische Kontextfaktoren wie soziale Lebenswelt, Arbeitssituation, familiäre Traditionen andererseits. Die Versorgungsangebote für diese Patientengruppe erscheinen defizitär (Abstinenzfokussierung, Reha-Orientierung, Ignorierung). Chronifizierung ist über den individuellen Leidenskontext hinaus ein Problem für die versorgenden Einrichtungen und zunehmend ein ökonomisches Risiko für die Versichertengemeinschaft und für die Kliniken. Letztere stehen aufgrund unzureichender Ressourcen zunehmend vor der Frage, die Behandlung vorzeitig zu beenden und damit die Drehtür zu beschleunigen mit dem Risiko der Fallklammer oder qualitativ problematische „low care“ Angebote umzusetzen.