Suchttherapie 2017; 18(S 01): S1-S72
DOI: 10.1055/s-0037-1604528
Symposien
S-07 „In Sorge, frustriert und irgendwie den Kontakt verloren.“ Zur Situation von Eltern jugendlicher Drogenkonsumenten.
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

„Nicht ganz freiwillig“ – Wie finden Jugendliche zur Suchthilfe?

O Reis
1  Klinik für Psychiatrie, Neurologie, Psychosomatik und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter, Universitätsmedizin Rostock
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Publication Date:
08 August 2017 (online)

 

Einleitung:

Die Erreichung von Jugendlichen mit Suchtproblemen stellt ein praktisches und theoretisches Problem dar. Der Beitrag behandelt verschiedene Wege ins Suchthilfesystem und stellt das Konzept des „locus of initiative“ und insbesondere der geteilten Initiative vor. Dies besagt, dass signifikante Andere, eine entscheidende Rolle beim Zugang zu Suchthilfesystemen haben. Hierzu gehören die Eltern, aber auch andere Personen. Mögliche Mechanismen der „geteilten Initiative“ werden diskutiert und die Folgen unterschiedlicher Initiativen dargestellt.

Methodik:

Es werden 421 Zugänge zum Modellprojekt „Designerdrogen-Sprechstunde“ analysiert, das 1998 – 2003 in Rostock stattfand. Die hauptsächlich konsumierte Substanz waren Cannabis (63%) und Nikotin (79%), gefolgt von Alkohol (25%) und Ecstasy (5%). 37% aller Zugänge erfolgten auf eigene Initiative, 37% auf geteilte Initiative (Eltern, Freunde, Kollegen etc.) und 26% auf externe Initiative (Jugendgericht etc.) hin.

Ergebnisse:

Die PatientInnen mit eigener Initiative waren überwiegend Erwachsene (Alter 19,6 Jahre), von denen bei etwa einem Drittel eine Suchterkrankung diagnostiziert wurde und die überwiegend (84%) vom Angebot profitierten. PatientInnen mit geteilter Initiative waren zwei Jahre jünger (17,5 Jahre), stärker mit Suchterkrankungen belastet (44%) und ebenfalls Profiteure des Angebots (78%). PatientInnen, die auf Weisung kamen, waren durchschnittlich 18,4 Jahre alt, am seltensten erkrankt (28%), und profitierten dennoch überwiegend vom Programm (69%). Die Art der Intervention unterschied sich für einige Arten. Während alle PatientInnen ungefähr gleich oft Beratung suchten, kamen PatientInnen vor allen dann selbst, wenn sie eine Krise hatten. Entgiftungen waren bei geteilter Initiative verhältnismäßig seltener als bei eigener oder externer Initiative. Was Konsummuster betraf, so waren PatientInnen mit externer Initiative häufiger Poly-User, während die Jugendlichen mit geteilter Initiative vor allem CannabiskonsumentInnen waren.

Schlussfolgerung:

Der Zugang von Jugendlichen zum untersuchten niedrigschwelligen Angebot erfolgte überwiegend über eine geteilte Initiative. Damit scheint dieser „nicht ganz freiwilligen“ Art des Zuganges die größte Bedeutung zuzukommen. Gemessen an dieser Bedeutung sind sowohl das Suchthilfesystem als auch die Prävention noch zu sehr auf die Jugendlichen als Individuen zugeschnitten. Eltern spielen in dieser Art des Zugangs eine wichtige – aber nicht die einzige Rolle.