Suchttherapie 2017; 18(S 01): S1-S72
DOI: 10.1055/s-0037-1604535
Symposien
S-09 Ansätze für eine verbesserte Tabakprävention und -behandlung – Symposium des WAT e.V.
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Passivrauchbelastung bei Kleinkindern – eine Frage des Stadtteils?

S Ulbricht
1  Universitätsmedizin Greifswald, Institut für Sozialmedizin und Prävention
,
S Baumann
1  Universitätsmedizin Greifswald, Institut für Sozialmedizin und Prävention
,
C Meyer
1  Universitätsmedizin Greifswald, Institut für Sozialmedizin und Prävention
,
U John
1  Universitätsmedizin Greifswald, Institut für Sozialmedizin und Prävention
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Publication History

Publication Date:
08 August 2017 (online)

 

Einleitung:

Es besteht ein Zusammenhang zwischen der Tolerierung des Tabakrauchens in Wohnräumen (TTiW), der damit potenziell einhergehenden Passivrauchbelastung bei Kleinkindern und einem niedrigeren Sozialstatus des Haushalts. Gleichzeitig lassen sich Stadtteile nach Merkmalen des Sozialstatus' ihrer Bewohner differenzieren. In der Studie wird untersucht, inwieweit die Sozialstruktur definierter Stadteile mit der Passivrauchbelastung der hier lebenden Kinder in Zusammenhang steht.

Methodik:

In einer definierten Region wurde eine Vollerhebung zum Rauchverhalten in 3570 Haushalten mit mindestens einem Kind jünger als 4 Jahre durchgeführt (Teilnahmerate = 74,5%). Das Einschlusskriterium der Studie, tägliches Tabakrauchen mindestens eines Elternteils in den letzten 4 Wochen, erfüllten 1282 Haushalte, 915 (71,3%) erklärten ihr Einverständnis zur Studienteilnahme. Im persönlichen Interview wurden Angaben zum Alter sowie Kitabesuch des jüngsten Kindes (Indexkind), zur TTiW sowie zur Anzahl erwachsener Raucher im Haushalt erfragt. Eine Urinprobe des Indexkindes wurde auf Kotinin untersucht (Detektionslimit 10 ng/ml). Der Sozialstatus wurde über die Quote erwerbsfähiger hilfebedürftiger Personen im Alter von 15 bis 65 Jahren (eHb-Quote) operationalisiert. Die eingeschränkte Verfügbarkeit der Daten zur eHb-Quote für die Studienregionen Stralsund und Greifswald, reduzierte das Analysesample auf 573 Haushalte. Die Daten der eHb-Quote für die Stadtteile wurden in drei Kategorien (< 12,0%, 12,0%-26,7% und > 26,7%) zusammengefasst. Die Datenanalyse erfolgte mittels logistischer Regressionen. Modell 1 beinhaltete als abhängige Variable „Kotinin im Urin“ (0 = nein, 1 = ja) und als unabhängige Variable die „eHb-Quote“. Das Modell wurde erweitert um die Variablen „TTiW“ (Modell 2), und „Anzahl erwachsener Raucher im Haushalt“ (Modell 3). Die Modelle wurden für Alter und Kitabesuch des Indexkindes sowie das Quartal der Datenerhebung adjustiert.

Ergebnisse:

Alle Modelle zeigten positive Assoziationen zwischen dem Nachweis von Kotinin und der eHB-Quote. Bei Kindern aus Haushalten in Stadtteilen mit einer eHb-Quote zwischen 12,0% und 26,7% bestand eine höhere Wahrscheinlichkeit des Passivrauchnachweises, verglichen mit Gleichaltrigen aus Haushalten in Stadtgebieten mit einer eHb-Quote < 12% [OR = 1,89, 95%-KI = 1,19; 3,01]. Dieser Zusammenhang zeigte sich auch für den Vergleich der Passivrauchbelastung aus Stadtteilen mit einer eHb-Quote > 26,7% und jener aus Stadtteilen mit einer eHb-Quote < 12% [OR = 2,78, 95%-KI = 1,81; 4,26]. Die Analysen zeigten darüber hinaus mediierende Effekte der Variablen TTiW (Modell 2) und Anzahl erwachsener Raucher im Haushalt (Modell 3).

Schlussfolgerung:

Den konsequenten Verzicht auf Tabakrauchen in Wohnräumen besonders unter dem Aspekt der potenziellen Schädigungen durch Passivrauch zu thematisieren, scheint in Haushalten mit Kleinkindern und Wohnsitz in Stadtteilen mit höherer eHb-Quote besonders angezeigt.