Suchttherapie 2017; 18(S 01): S1-S72
DOI: 10.1055/s-0037-1604564
Symposien
S-16 Neue Herausforderungen in der Versorgung Suchtkranker
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Zur Rolle des Aufmerksamkeits-Bias auf pornographische Stimuli in der Entwicklung einer Internet-pornograpy-use disorder

J Pekal
1  Fachgebiet Allgemeine Psychologie: Kognition und Center for Behavioral Addiction Research (CeBAR), Universität Duisburg-Essen
,
M Brand
1  Fachgebiet Allgemeine Psychologie: Kognition und Center for Behavioral Addiction Research (CeBAR), Universität Duisburg-Essen
2  Erwin L. Hahn Institute for Magnetic Resonance Imaging, Essen
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Publikationsverlauf

Publikationsdatum:
08. August 2017 (online)

 

Einleitung:

Ein exzessiver pathologischer Gebrauch von Internetpornografie, der sich in zahlreichen negativen Konsequenzen widerspiegeln kann, wird von einigen Autoren als Internet-pornography-use disorder (IPD) bezeichnet (Brand, Young, Laier, Wölfling, & Potenza, 2016). Obwohl sich die meisten empirischen Arbeiten zu einer IPD auf männliche Nutzergruppen beschränken, konnte auch ein exzessiver Gebrauch von Internetpornografie bei Frauen beobachtet werden (Green, Carnes, Carnes, & Weinmann, 2012; Laier, Pekal, & Brand, 2014). Die grundlegenden Gemeinsamkeiten sind insbesondere die Rolle der Cue-Reactivity und des Cravings bei der Entwicklung und Aufrechterhaltung einer IPD. Solche affektiven und kognitiven Reaktionen beruhen auf Konditionierungsprozessen durch Sensitivierung von sucht-assozierten Reizen. Es wird daher angenommen, dass erhöhter Aufmerksamkeits-Bias auf pornographische Reize Tendenzen einer IPD vorhersagen können.

Methodik:

Die Stichprobe umfasste 174 heterosexuelle Versuchspersonen (M = 23,59; SD = 4,93 Jahre), davon 87 männliche und 87 weibliche ProbandInnen. Zur Erfassung der Tendenz einer IPD wurde der short-Internet Addiction Test, modifiziert für Internetsex, eingesetzt (s-IATsex; Laier et al., 2014). Der Anstieg der subjektiven sexuellen Erregung (Craving) nach der Präsentation pornographischer Bilder wurde mithilfe eines Schiebereglers abgefragt. Zur Erfassung des Aufmerksamkeits-Bias auf sexuelle Reize wurde eine Visual Probe Task mit pornographischen Bildern verwendet. Die Probanden mussten dabei so schnell und richtig wie möglich die Richtung von Pfeilen erkennen, die auf die Präsentation eines pornographischen Stimulus folgten.

Ergebnisse:

Es zeigten sich signifikante Korrelationen zwischen den Maßen des Cravings und den Scores für einen Aufmerksamkeits-Bias in der Visual Probe Task (r = 0,159 bis r = 0,172). Eine moderierte Regression mit dem s-IATsex als abhängige Variable ergab einen signifikanten Effekt des Geschlechts (β= 0,315, p<= 0,001) sowie des Aufmerksamkeits-Bias (β= 0,186, p = 0,011), allerdings keine Interaktion der beiden Variablen. Das Gesamtmodell erklärte 13,5% der Varianz im s-IATsex auf (F = 8,84, p<= 0,001). Die Auswertung der Simple Slopes verdeutlicht, dass sowohl Männer als auch Frauen bei einem stärkeren Aufmerksamkeits-Bias eine höhere Tendenz zu einer IPD zeigen.

Schlussfolgerung:

Die Ergebnisse sind konsistent mit Arbeiten zur Internet-gaming disorder und stützen die theoretischen Annahmen des I-PACE Modells (Brand et al., 2016) zu spezifischen Internet-use disorders, wonach implizite Kognitionen aufgrund von Lernmechanismen eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung und Aufrechterhaltung einer IPD spielen und unabhängig vom Geschlecht auftreten können. Die Ergebnisse sind vergleichbar mit Befunden aus der Forschung zu stoffgebundenen Süchten und rechtfertigen die Annahme, die IPD den Verhaltenssüchten zuzuordnen.