Suchttherapie 2017; 18(S 01): S1-S72
DOI: 10.1055/s-0037-1604571
Symposien
S-18 Positionen zu Internetbezogenen Störungen: State-of-the-Art
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Haben Internetsüchtige eigentlich Spaß? Medienpsychologische Perspektiven auf das Verhältnis von Online-Entertainment und exzessiver Nutzung

C Klimmt
1  Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover
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Publication Date:
08 August 2017 (online)

 

Einleitung:

Integrierte Modelle der Internetsucht enthalten die Gratifikationen, die Betroffene aus dem (exzessiven, unkontrollierten) Gebrauch von Online-Medien für sich schöpfen, als zentralen motivationalen Faktor. Aus Sicht der Medienpsychologie entstehen diese Gratifikationen zunächst aus dem spezifischen Anreizpotenzial des genutzten Medienangebots, etwa den Eigenschaften, die ein Online-Computerspiel unterhaltsam werden lassen. Allerdings tragen die Nutzerinnen und Nutzer entscheidend dazu bei, dass das seitens des Mediums ermöglichte Rezeptionsvergnügen auch eintritt, beispielsweise durch die Art, wie sie die dargebotenen Informationen aus einer sozialen Netzwerkseite verarbeiten. Vor diesem Hintergrund befasst sich der Beitrag mit der Frage, ob Personen mit suchtartiger Internetnutzung die gleichen Gratifikationen beim Online-Gebrauch erreichen können (und wollen) wie unauffällige Personen. Denn die typischen Eigenschaften von Online-Süchtigen, etwa Komorbiditäten oder der Verlust des Moments der Freiwilligkeit in der Befassung mit einem Online-Angebot, disponieren sie möglicherweise so, dass eine Positiv-Gratifikation im Sinne von Unterhaltungserleben weder die Erfahrung ist, die sie suchen noch die Erfahrungsqualität darstellt, die sie erreichen können.

Methodik:

Aus einer medienpsychologischen Perspektive wird daher die Frage diskutiert, wie man das Verhältnis zwischen Nutz-Spaß (positive Unterhaltungsgratifikation) und der kompensatorischen Erleichterungserfahrung des Süchtigen beim Kontakt mit seinem Suchtgegenstand konzeptualisieren könnte. Einander gegenübergestellt werden die Vorstellungen persönlichkeitsbezogener Unterschiede zwischen Süchtigen und Nicht-Süchtigen (wonach Online-Süchtige „von vorn herein“ nicht die gleichen Nutzungsgratifikationen suchen oder erreichen können, weil ihre persönliche Disposition dies nicht zulässt) und des „Kippens“ von zunächst erreichten und geschätzten Positiv-Gratifikationen in ein für Süchtige charakteristisches Erleben des Vermeidens aversiver Eigenzustände durch Online-Gebrauch.

Ergebnisse und Schlussfolgerung:

Die Betrachtung der Gratifikationsperspektive legt eine Unterscheidung in zwei Formen problematischen Internetgebrauchs nahe: eine im Kern pathologische, die nicht getrieben vom Streben nach Positiv-Gratifikationen ist, sondern ihren Ursprung in bestehenden psychischen Problemen (Komorbiditäten, Schwierigkeiten mit der Selbstregulation) hat sowie eine vorübergehende Form, wie sie für jugendliche Computerspieler beschrieben wurde, bei der aus starken Positiv-Gratifikationen eine exzessive Nutzungsweise erwächst, die aber wegen der Abwesenheit grundlegender psychischer Probleme auch wieder ohne Intervention abebbt, wenn sich entweder die bevorzugten Gratifikationen abnutzen („hedonic adaptation“) oder andere Verhaltensweisen neue, entwicklungsbedingt attraktivere Gratifikationen bieten.