Suchttherapie 2017; 18(S 01): S1-S72
DOI: 10.1055/s-0037-1604578
Symposien
S-20 Neue Entwicklungen in der Behandlung von Suchterkrankungen
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Sucht und Sexualität – Mann (S)sucht Liebe

JJ Jösch
1  Fachkrankenhaus Vielbach
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Publication Date:
08 August 2017 (online)

 

Einleitung:

Wie wichtig sind gelingende Partnerschaft und eine erfüllende Sexualität für ein Leben frei von Sucht? 57% aller Suchtrehabilitanden sind alleinstehend. Die meisten wünschen sich eine Partnerschaft. Zu lieben und geliebt zu werden sowie eine befriedigende Sexualität sind Quellen von Glück und Wohlbefinden, Anerkennung und Selbstwerterleben. Für eine nachhaltige Stabilisierung der Abstinenz der Patienten spielen Liebe, Sexualität und Partnerschaft eine wichtige Rolle. Können in einer Suchtrehabilitation die Chancen auf Verwirklichung des Wunsches nach einer Partnerin/einem Partner und entsprechende Handlungsmöglichkeiten erweitert werden, und wenn ja, wie? Was, wenn sich keine Partnerin/kein Partner findet? Welche Rolle spielen Sexualstörungen, Pornografie, Prostitution, Online-Singlebörsen und das Verliebtsein in Therapeut/innen? Im Fachkrankenhaus Vielbach wurde deutlich, dass diesem wichtigen Lebensbereich der alkoholkranken Rehabilitanden bislang zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde.

Methodik:

Die Klinik führte eine umfassende, anonyme Befragung der Rehabilitanden zum Thema „Partnerschaft und Sexualität“ durch. Insgesamt 132 Patienten beantworteten 64 Fragen.

Ergebnisse:

Die Ergebnisse beeindrucken in ihrer Deutlichkeit – auch hinsichtlich der Patientenwünsche und -ängste, die sich auf die Zeit während und nach der Rehabilitation beziehen. 89,4% der Patienten leben nicht in einer Partnerschaft. 82% der Partnerlosen wünschen sich eine Partnerschaft. 85% nehmen an, eine Partnerschaft erleichtere ihnen ein Leben ohne Suchtmittel. Partnerschaft und Sexualität sind für viele Patienten ähnlich wichtig wie Abstinenz. Patienten wollen ‚Teilhabe‘ – auch in sozialen Beziehungen und in Bezug auf Sexualität.

Schlussfolgerung:

In Vielbach wurde begonnen, das Thema in die Behandlung zu integrieren: in die medizinische Untersuchung und in die Psychotherapie sowie in Patientenschulungen und Realitätstrainings. Alle Patienten nehmen während ihres Reha-Aufenthaltes mehrmals an dem dreitägigen MännerCamp „Fit fürs L(i)eben“ teil. In verschiedenen Modulen werden ganz konkrete Themen zum Bereich „Liebe, Sexualität und Partnerschaft“ bearbeitet, z.B. „Was Frauen erwarten“, „Der erste Kontakt“, „Sex und Leistungsdruck“, „Was es für eine dauerhaft gelingende Partnerschaft braucht“ und „Was tun, wenn keine Partnerschaft zustande kommt“. Zentrale, handlungsleitende Rehabilitationsziele, die die Klinik mit dem MännerCamp anstrebt, sind die Erweiterung von Handlungsbefähigung und die Verbesserung von Verwirklichungschancen hinsichtlich Partnerschaft und Sexualität für die Rehabilitanden. Noch offen ist, wie weitgehend Patienten hinsichtlich gelingender Partnerschaft und Sexualität unterstützt werden können und wo die Grenzen des Rehabilitationsauftrages liegen.