Suchttherapie 2017; 18(S 01): S1-S72
DOI: 10.1055/s-0037-1604604
Symposien
S-27 Neue Medien in der Prävention und Behandlung von Suchterkrankungen
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Hilfe aus dem Internet: Nutzungshäufigkeit und Wirksamkeit eines kostenlosen Alkohol-Selbsthilfe-Onlineprogramms

J Lindenmeyer
1  salus Klinik Lindow
,
C Schroeder
1  salus Klinik Lindow
,
E van Oude
2  Omnia Interactive
› Author Affiliations
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Publication History

Publication Date:
08 August 2017 (online)

 

Einleitung:

Durch das gegenwärtige Suchthilfesystem werden Betroffene erst zu einem späten Zeitpunkt ihrer Suchtprobleme und zu einem geringen Prozentsatz erreicht. Online-Programme sind möglicherweise geeignet, um Betroffene zu einem größeren Anteil und in einem früheren Stadium zu einer Reduktion bzw. zur Aufgabe ihres Alkoholkonsums zu bewegen. Seit März 2016 steht eine deutsche Version des niederländischen evidenzbasierten Alkohol-Selbsthilfeprogramms (Blankers et al., 2003) kostenlos im Internet zur Verfügung.

Methodik:

Probanden: Nutzer der Website www.selbsthilfealkohol.de im Zeitraum vom März bis Dezember 2016. Mithilfe eines 2-Minuten-Selbsttests können Betroffene herausfinden, ob ihr Alkoholkonsum risikoarm ist oder Anlass zur Besorgnis besteht. Programmteilnehmer machen 6 Wochen lang tägliche Angaben zu Alkoholverlangen und ihrem tatsächlichem Alkoholkonsum. Sie treffen Vereinbarungen mit sich selbst und bereiten sich mit verschiedenen Aufgaben auf Risikosituationen und eventuelle Rückfälle vor. Professionelle Berater stehen zur Unterstützung per Mail bereit. Außerdem bietet ein abgeschirmtes Forum Programmteilnehmern die Möglichkeit, sich anonym auszutauschen und gegenseitig zu unterstützen.

Ergebnisse:

Die Website wurde von März bis Dezember 2016 von 23.080 Personen besucht. 3.660 Besucher haben den Selbsttest ausgefüllt und 2.048 (80,0%) haben hierbei einen veränderungsbedürftigen Alkoholkonsum angegeben. 789 Personen, das sind 51,7% der Personen, die im Selbsttest einen riskanten oder schädlichen Alkoholkonsum angegeben hatten, haben sich schließlich zu einer Programmteilnahme entschlossen. Die Programmteilnehmer hatten mit 46,1% einen deutlich höheren Frauenanteil und mit 62,7% Abitur einen deutlichen höheren Bildungsgrad als unter Patienten im Suchthilfesystem sonst üblich. Die Programmteilnehmer haben sich im Durchschnitt 12,5 mal eingeloggt. Sie erreichten im Verlauf ihrer Programmteilnahme eine signifikante Reduktion ihres Alkoholverlangens und ihres Alkoholkonsums.

Schlussfolgerung:

Mithilfe des Selbsthilfeprogramms www.selbsthilfealkohol.de wird eine relevante Zielgruppe von Personen mit riskantem und schädlichem Alkoholkonsum erreicht. Das Selbsthilfeprogramm ist geeignet, den Alkoholkonsum der Teilnehmer günstig zu beeinflussen. Weitere Anstrengungen sind erforderlich, um die Nutzungsintensität (Logins) der Teilnehmer zu erhöhen.