Suchttherapie 2017; 18(S 01): S1-S72
DOI: 10.1055/s-0037-1604633
Symposien
S-34 Komorbidität und Risikofaktoren bei Suchterkrankungen
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Der Kampf mit dem Gewicht: Cognitive Bias Modification bei Übergewichtigen

J Lindenmeyer
1  salus Klinik Lindow
,
M Rinck
2  Universität Nijmegen
,
H Ferentzi
2  Universität Nijmegen
,
H Scheibner
3  Universität Amsterdam
,
E Becker
2  Universität Nijmegen
,
R Wiers
3  Universität Amsterdam
,
S Beisel
1  salus Klinik Lindow
› Author Affiliations
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Publication History

Publication Date:
08 August 2017 (online)

 

Einleitung:

Programme zur Gewichtsreduktion sind bislang wenig erfolgreich. Als Ursache hierfür wird vermutet, dass Essgewohnheiten einen ähnlich hohen Automatisierungsgrad aufweisen wie Suchtverhaltensweisen (Kakoschke et al., 2017). Wir haben untersucht, ob das in der Behandlung von Alkoholabhängigen erfolgreiche Trainingsprogramm zur Überwindung automatisierter Annäherungstendenzen (u.a. Wiers et al., 2011) als Zusatzangebot einen Vorteil für Übergewichtige bei der Gewichtsreduktion hat.

Methodik:

Probanden waren 189 übergewichtige Patienten (BMI > 29,5) in stationärer Psychosomatikbehandlung, die an einem Programm zur Gewichtsreduktion teilnahmen. Die Probanden wurden zufällig für jeweils 6 Sitzungen à 15 Minuten mit jeweils 220 Trainingsdurchgängen auf ein Vermeidungs-Training oder ein Scheintraining verteilt. Beim Vermeidungs-Training hatten die Probanden die Aufgabe, Bilder von kalorienreichen Lebensmitteln auf dem Bildschirm mithilfe eines Joysticks wegzudrücken (Vermeidung) und Bilder von leichter körperlicher Aktivität heranzuziehen (Annäherung). Beim Scheintraining mussten die Probanden alle Bilder unabhängig vom Bildinhalt mit dem Joystick ebenso häufig wegdrücken wie heranziehen. Zur Ermittlung von kurzfristigen Trainingseffekten wurden die Annäherungstendenz, implizite essensspezifische Assoziationen und der Body-Mass-Index vor Beginn und nach Abschluss aller Trainingseinheiten gemessen.

Ergebnisse:

Entsprechend unserer Hypothese verbesserte sich die Annäherungs-Vermeidungs-Tendenz in der Vermeidungs-Trainingsgruppe signifikant im Vergleich zum Scheintraining dergestalt, dass die Probanden nach Abschluss des Vermeidungs-Trainings die hochkalorischen Essensbilder schneller wegdrücken und die leichten Bewegungsbilder schneller heranziehen konnten. Außerdem generalisierte dieser inhaltsspezifische Effekt auf ähnliche Abbildungen, mit denen nicht trainiert worden war. Dagegen zeigte sich kurzfristig kein Unterschied zwischen Vermeidungs- und Scheintraining hinsichtlich einer impliziten essensspezifischen, positiven Assoziationstendenz oder hinsichtlich des Body-Mass-Index.

Schlussfolgerung:

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass mithilfe eines ernährungsspezifischen Annäherungs-Vermeidungstrainings die automatisierte Essensannäherungstendenz von Übergewichtigen kurzfristig überwunden werden kann. Künftigen Studien bleibt allerdings vorbehalten zu untersuchen, ob auf diese Weise langfristig das Ernährungs- und Bewegungsverhalten von Übergewichtigen günstig beeinflusst werden kann.